Dienstag, 29. September 2015

Die Geschichte vom Urahn Maximilian - Reizwortgechichte



Reizwörter:
Maulwurf, Schürzentasche, verschwinden,
sorgfältig, mulmig
Viel Spaß beim Lesen!



Die Geschichte von Urahn Maximilian


Die kleine Maus Liselotte stromert durch den Garten. Entkommen den wachsamen Augen ihrer Mutter konnte sie endlich einmal allein losziehen.
Ihre Mutter besuchte im Nachbargarten ihre Kusine Gretel und ihre Brüder Jonathan und Mäxchen die eigentlich auf sei aufpassen sollten spielten fangen.
Liselotte war das nur Recht.
Vergnügt lief sie dahin, was gab es doch alles zu sehen und welch herrliche Gerüche lagen in der Luft.
Ein Apfel lag unter dem Baum und das Mäuschen wollte gerade ihre kleinen Zähnen in die köstliche Frucht versenken, da schoss ein großer dicker Wurm aus dem Apfel.
Verschwinde, das ist mein Apfel!“ schnarrte er unfreundlich.
Liselotte wich erschrocken zurück und lief blindlings davon
Atemlos versteckte sie sich unter einer Gartenbank.
Dann musste sie lachen. Hatte sie sich doch tatsächlich von einem Wurm einschüchtern lassen.
Neugierig sah sie sich um.
Ein langer weißer Streifen baumelte von der Bank und Liselotte sprang hoch und kletterte nach oben.
Der Streifen gehörte zu einer weißen Schürze, die von ihrer Besitzerin achtlos liegen gelassen wurde.
Die kleine Maus untersuchte das komische Ding, fand eine Öffnung und verschwand in der Schürzentasche.
Genüsslich verspeiste sie die Krümmel eines leckeren Keks, die sie vorfand, dann rollte sie sich zusammen und schloss die Augen.
So ein aufregender Spaziergang machte eben müde.
Die Mäusemama Gertrude verabschiedet sich von ihrer Kusine.
Sie warf einen besorgten Blick zum Himmel. Ein Sturm braute sich zusammen. Sie musste sofort ihre Kinder in Sicherheit bringen.
Doch sie fand nur ihre Söhne vor, die ermattet vom Spielen im Gras lagen.
Wo ist eure Schwester, solltet ihr nicht auf sie aufpassen?“
Schuldbewusst sahen die beiden Jungen ihre Mutter an. Sie hatten gar nicht bemerkt, dass Liselotte nicht mehr bei ihnen war.
Es gibt einen Sturm, lauft zur alten Buche, schlüpft in das Loch darunter und wartet auf uns. Ich werde Liselotte suchen.“
Ein Windstoß fuhr durch die Bäume und ließ die Blätter erzittern. Die Jungen rasten los.
Gertrude aber machte sich auf die Suche nach ihrer Tochter.
Es war nicht leicht, denn der Wind trieb nun sein tolles Spiel. Er fuhr durch das Gras, knickte die Blumen und schüttelte die Bäume.
Manchem Apfel, der sich nicht mehr festhalten konnte musste Gertrude ausweichen.
Dann aber hatte der wilde Geselle ein neues Spielzeug entdeckt. Die weiße Schürze auf der Gartenbank.
Liselotte war durch das Brausen und Toben ringsum erwacht. Ängstlich kauerte sie in ihrem Versteck und es wurde ihr ganz mulmig zumute.
Plötzlich wurde sie mitsamt der Schürze hochgehoben. Hektisch suchte sie den Ausgang und plumpste ziemlich unsanft ins Gras.
Der Wind aber wirbelte das Kleidungsstück in die Luft und trieb es wie einen Ball vor sich her.
Gertrude hatte ihre Tochter erreicht und eng aneinander geschmiegt, liefen sie zur schützenden Öffnung in dem Baum. Jonathan und Mäxchen waren erleichtert als sie ihre Mutter und Schwester sahen.
Zusammen liefen sie nun durch die unterirdischen Gänge bis sie einen großen schönen Raum erreichten.
Der Maulwurf Sebastian saß in seinem gemütlichen Sessel, eine warme Decke über den Knien, denn er hatte mal wieder das Reißen.
Wer ist da?“
Er griff nach seiner Brille, die vor ihm auf dem Tisch lag, holte ein großes kariertes Taschentuch und putzte sorgfältig die Gläser, dann setzte er das Gestell auf seine spitze Nase.
Ach Frau Gertrude,“ rief er erfreut,“ wie schön, dass sie mich mal wieder besuchen. Und das sind wohl ihre Kinderchen?“
Jonathan, Mäxchen und meine Jüngste, Liselotte,“ stellte die stolze Mama ihre Kinder vor.
Entschuldigen sie, dass wir sie so überfallen und in ihrer Ruhe stören, aber oben tobt ein schrecklicher Sturm und wir suchen Schutz.“
Aber sie stören mich doch nicht, nehmen sie bitte Platz, kann ich ihnen was anbieten.“
Nein danke, wenn wir nur hier den Sturm in Ruhe abwarten dürfen.“
Die Kinder die noch nie hier unten waren, hatten sich inzwischen neugierig umgesehen.
An der Wand hing ein großes Bild. Es zeigte einen Maulwurf, der eine Schärpe aus geflochtenen Blumen trug.
Wer ist das Onkel Sebastian?“ fragte Liselotte.
Sebastian betrachtete versonnen das Bild.
Das ist mein Urahn Maximilian.
Er hat einmal die Schmetterlingsprinzessin Aurelia und ihre Untertanen gerettet.
Möchtet ihr die Geschichte hören?“
Auja!“ die Mäuschen kauerten sich zu seinen Füßen und sahen ihn erwartungsvoll an.
Sebastian nahm die Brille von der Nase, denn sie drückte etwas, faltete die schaufelartigen Hände über dem dicken Bauch und begann zu erzählen.

Mein Urahn Maximilian hatte seine riesige unterirdische Wohnung mitten im Schmetterlingsreich der Königin Aurelia. Er fühlte sich sehr wohl dort und war befreundet mit alle den kleinen Wesen die dort lebten. Die Wichtel, die für den Garten zuständig waren, freuten sich wenn er ihnen beim Graben half und die übermütigen Elfen trieben allerlei Schabernack mit ihm, die er sich aber gutmütig gefallen ließ.
Sie meinten es ja nicht böse und wenn er mal genug hatte, dann verzog er sich nach unten.
Königin Aurelia war nicht nur wunderschön, sondern hatte auch eine herrliche Stimme und oft drang ihr Gesang bis zu Maximilian hinunter, der andächtig lauschte.
Die Schönheit der Prinzessin und auch ihr herrlicher
Gesang lockte viele Freier an. Doch Aurelia verliebte sich in Gernot, den König des benachbarten Blumenreiches.
Aber auch der Koboldkönig Unwirsch wollte Aurelia zu seiner Frau nehmen und als sie ihn abwies, drohte er, ihr Reich in Schutt und Asche zu verwandeln.
Aurelia sandte den schnellsten Läufer zu ihrem Bräutigam, um ihn um Hilfe zu bitten.
Gerade noch rechtzeitig konnte der Wichtel Springinsfeld den Garten verlassen, denn bald darauf kam Unwirsch mit seinem großen Drachen und kettete ihn vor dem Schmetterlingsreich an und niemand konnte nun mehr das Reich verlassen oder betreten.
Da herrschte natürlich große Aufregung.
Die Elfen nahmen sich jeder einen der Wichtel und wollten mit ihnen über die Mauer fliegen, doch da riss der Drache sein großes Maul weit auf und eine riesige Flamme schoss in ihre Richtung und schnell flogen sie wieder zurück.
Verzweifelt überlegten sie, wie sie der Gefahr entkommen konnten.
Maximilian aber saß gemütlich in seiner Stube und ahnte nicht was über ihm los war.
Doch auf einmal erzitterte seine Zimmerdecke. Erbost stieg er die Leiter nach oben, um nachzusehen was die Erschütterung ausgelöst hatte.
Der ganze Garten schien in Bewegung zu sein, Wichtel und Elfen liefen alle durcheinander dem Schloss zu.
Was ist denn los!“ rief er, doch niemand antwortete ihm.
Die Schnecke Esmeralda kam nur langsam voran, musste sie doch ihr Haus mit sich tragen und so war sie auch die Einzige, die Maximilians rufen hörte.
Etwas atemlos blieb sie stehen.
Liebste Freundin, was bedeutet denn all diese Aufregung.“
Der Kobold Unwirsch will unser Reich vernichten.“
Warum denn das?“
Er möchte unsere Königin zur Frau nehmen, und wenn sie nicht einwilligt, dann wird sein Drache hier alles verbrennen und wir müssen sterben. Der Drache wartet schon draußen und wir können nicht fliehen. Deshalb hat uns Aurelia ins Schloss gerufen. Ich fürchte sie will sich opfern und die Frau des Kobolds werden, nur um uns zu retten.“
Esmeralda stieß einen tiefen Seufzer aus.
Maximilian runzelte die Stirn. Was er hörte gefiel ihm gar nicht, obwohl ihm ja das Feuer unter der Erde nichts ausmachen würde.
Dann kam ihm eine Idee.
Liebste Freundin, eilt sofort zu der Königin übermittelt ihr meine besten Wünsche und teilt ihr mit, dass in meinem Reich unter der Erde alle in Sicherheit vor dem Feuer sind.“
Esmeralda strahlte und kroch so schnell wie möglich dem Schloss zu.
Maximilian aber klettert hinab und öffnete sämtliche Türen für seine Gäste.
War das ein Jubel, als die Schnecke Maximilians Botschaft verkündete.
Und nun begann ein emsiges Treiben. Decken, Kissen und Proviant wurde nach unten geschafft. Die Glühwürmchen ließen sich an den Wänden nieder und spendeten das nötige Licht.
Und die Spinnen webten starke Fäden über die Eingänge, die keinen Funke aber doch genügend Luft durch ließen.
Aurelia bedankte sich höchst persönlich bei Maximilian.
Was diesem sehr schmeichelte und ihn versöhnte mit der Unruhe die nun in seinem Reich herrscht.
Jeden Tag schickte die Königin einen Wichtel nach oben, der die Lage peilen sollte.
Und eines Tages kam der Bote freudestrahlend zurück und rief, dass Gernot und Springinsfeld oben wären und der Drache besiegt worden sei, noch ehe er das Schmetterlingsreich zerstören konnte.
Ein Jubel brach los und alles drängte nach oben.
Wenige Tage später wurde ein Fest gefeiert und mein Urahn als Ehrengast eingeladen.
Und die Königin schlug ihn zum Ritter und seit dieser Zeit tragen wir den Namen 'Maulwurf vom Elfenhügel'“,
beendet Sebastian stolz seine Geschichte.
Lieselotte stieß einen tiefen Seufzer aus und betrachtete das Bild.
Wie stattlich er doch aussieht,“ schwärmte sie und Jonathan rief etwas enttäuscht: „aber warum trägt er denn kein Schwert wie ein echter Ritter!“
Nur Mäxchen jammerte: „Mama ich hab Hunger!“
Alle lachten.
Liebste Gertrude in der Küche steht eine große Schüssel mit Regenwurmsalat, bitte bedienen sie sich.“
Die Kinder verzogen die Gesichter, was Sebastian aber nicht sehen konnte, da er ja seine Brille nicht aufhatte.
Vielen Dank, Herr Sebastian, aber es ist spät, die Kinder müssen zu Bett. Vor einiger Zeit hat sich der Sturm gelegt, sodass wir wieder nach Hause gehen können. Danke für ihre Gastfreundschaft.“
Als seine Gäste ihn verlassen hatten, lehnte sich Sebastian zurück und gähnte laut.
Ein schöner unterhaltsamer Nachmittag war das gewesen, aber nun war er müde.
Er schloss die Augen und bald ertönten leise Schnarchtöne.

© Lore Platz


Dienstag, 22. September 2015

Bernie und die Ballerina finden ein neues Zuhause - Reizwortgeschichte

Auf ganz besonderen Wunsch von Elli und Joachim habe ich zu der Geschichte: "Die Nacht im Pfandhaus" eine Fortsetzung geschrieben.
Viel Spaß beim Lesen.

Reizwörter:
Armut, Verzweiflung, ärgern, besitzen, verwelken




Bernie und die Ballerina finden ein neues Zuhause


Marietta Mestwert verlässt mit gesenktem Kopf die Pfandleihe, denn niemand soll ihre Tränen sehen.
Fast ein ganzes Leben lang hat die kleine Ballerina mit ihr zusammen verbracht und wenn sie traurig war für sie getanzt, nach der wundervollen Musik von Mozart.
Und nun war sie durch die Not gezwungen sich von ihr zu trennen, für immer, denn niemals würde sie in ihrer derzeitigen Situation das Geld aufbringen sie wieder zurückzuholen.
Beinahe wäre sie mit einem kleinen Jungen zusammengestoßen.
Thomas was machst denn du hier so weit von zu Hause weg?“
Der achtjährige Thomas Eichhorn, der im selben Haus wie Marietta wohnt, scharrt verlegen mit den Füßen, dann platzt er mit der Frage heraus:
Sie waren doch gerade bei Herrn Pfefferkorn!“
Marietta wird eine wenig rot, doch sie will den Jungen nicht anlügen, deshalb nickt sie.
Haben sie, haben sie,“ fragt er stockend, „ vielleicht einen dicken großen Teddy mit einer blauen Latzhose gesehen?“
Die alte Dame runzelt die Stirn.
Sie war so traurig gewesen, dass sie kaum auf ihre Umgebung geachtet hatte, doch dann erinnert sie sich aus den Augenwinkel einen Teddy und auch etwas blaues wahrgenommen hatte.
Ich glaube ich habe so etwas auf dem Regal gesehen.“
Tommys Augen leuchten auf.
Welch ein Glück, das ist nämlich mein Bernie, mein Papa hat ihn mir geschenkt, kurz bevor er gestorben ist.“
Er schluckt.
Und Herr Pfefferkorn hat mir versprochen ihn zu behalten, bis ich ihn wieder holen kann. Aber es ist doch schon so viel Zeit vergangen, denn ich bekomme das Geld nicht zusammen. Habe doch kein Taschengeld. Einmal habe ich mich auf die Straße gestellt und mit der Mundharmonika Musik gemacht und ein Tuch auf den Boden gelegt, aber niemand hat etwas gegeben. Und dann ist ein Mann aus einem Geschäft gekommen und hat gesagt ' ich soll verschwinden, sonst holt er die Polizei'. Da bin ich ganz schnell weg gelaufen.“
Warum hast du denn deinen Bären zu Herrn Pfefferkorn gebracht?“
Ich wollte doch Mama zu Weihnachten ein Geschenk machen, weil sie immer so traurig ist und soviel arbeiten muss. Und sie isst doch so gerne Pralinen und ich habe auch eine ganz große Schachtel für das Geld bekommen. Mama hat geweint, sie sagte vor Freude.“
Gerührt streicht Marietta dem Jungen über den Kopf.
Sie kannte die traurige Geschichte. Tommys Vater war ein charmanter, leichtsinniger junger Mann gewesen, der es auch nicht so genau mit der Treue nahm. Vor zwei Jahren war er tödlich verunglückt, als er mit seiner neuesten Freundin einen Wochenendausflug nach Italien machte und ließ seine Frau mit einem Haufen Schulden zurück.
Else Eichhorn musste nun die Schulden von ihrem kleinen Gehalt als Verkäuferin abzahlen und ging auch noch nebenbei putzen, sodass Tommy oft sehr allein war.
Ein Windstoß lässt sie frösteln und auch der Junge hat schon ganz rote Ohren.
Frau Mestwert nimmt Tommy bei der Hand.
Komm wir wollen nach Hause gehen. Ich habe noch eine Hühnersuppe von heute Mittag, die wird uns aufwärmen.“
Das strahlende Lächeln des Jungen berührt ihr Herz.
Als sie die Wohnung betreten sitzt ihr Mann noch genauso dick vermummt in seinem Lehnsessel, wie sie ihn verlassen hat.
Endlich, kommst du, du warst solange weg,“ quengelt er, dann sieht er den Jungen.
Wen haben wir denn da?“
Tommy tritt zu dem alten Mann und reicht ihm die Hand.
Guten Tag Herr Mestwert, ich bin Thomas Eichorn und wohne mit meiner Mama einen Stock über ihnen. Meine Mama sagt immer Tommy zu mir, wenn sie wollen dürfen sie das auch,“ meint er zutraulich.
Hermann Mestwert lächelt.
Dann danke ich dir für die Ehre und werde dich Tommy nennen.“
Später sitzen sie dann alle am Tisch und verspeisen mit Genuss die einfache aber warme Suppe und Marietta bemerkt mit Freude wie lebhaft ihr Mann an den Gesprächen teilnimmt und bereitwillig die vielen Fragen des Jungen beantwortet.
Am meisten freut er sich, dass der Junge sich für Technik interessiert und als dieser erfährt, dass Herr Mestwert einst eine Maschinenbaufabrik besaß und Ingenieur von Beruf war, da verkündet er freudig, dass er auch Ingenieur werden wolle.
Später sitzen sie beiden auf dem Sofa und blättern in einem dicken Buch über Technik, während Marietta mit einem versonnenem Lächeln die Küche sauber machte.
So lebhaft hat sie ihren Mann seit dem Konkurs seiner Firma nicht mehr erlebt.
Doch dann wird Herbert, der noch geschwächt ist, müde.
Auf einen fragenden Blick seiner Frau erklärt er, dass er schon allein zurecht käme, sie soll sich nur um den Jungen kümmern.
Tommy, ich denke auch du musst ins Bett, morgen ist Schule,“ meint nun auch Marietta.
Das strahlende Gesicht des Buben wird traurig, denn ihm graut vor der leeren Wohnung.
Doch da sagt Tante Marietta, wie er sie nennen durfte:
Ich werde dich zu Bett bringen und bei dir bleiben, bis deine Mama nach Hause kommt.“
Prima!“ jubelt der Junge und umarmt die alte Frau, die ihn gerührt an sich drückt.
Wie wäre es, wenn wir den Rest der Suppe für deine Mama mit nach oben nehmen würden. Sie freut sich sicher, wenn sie etwa Warmes zum Essen bekommt.“
Darf ich den Topf tragen?“ fragt Tommy eifrig.
Bald liegt der Junge dann im Bett und nachdem ihm Marietta noch eine Gute Nacht Geschichte erzählt und einen Kuss gegeben hat, kuschelt sich der glückliche kleine Kerl in die Kissen und ist bald eingeschlafen.
Es ist fast zweiundzwanzig Uhr, als Else Eichhorn nach Hause kommt. Erschrocken sieht sie ihre Nachbarin, die sie vom sehen nur kennt, an.
Ist etwas mit Tommy passiert?“
Nein keine Bange, setzen sie sich, ich mache ihnen schnell die Suppe warm.“
Sie freut sich wie sehr es der jungen Frau schmeckt.
Danke, noch niemals hat sich jemand so lieb um mich gekümmert,“ Else schiebt ihren Teller zurück und sieht ihr Gegenüber dankbar an.
Haben sie denn keine Eltern?“
Nein, ich habe sie kaum gekannt. Ich bin im Waisenhaus groß geworden. Es ging mir nicht schlecht dort. Wir hatten Kleidung und zu Essen, auch erhielten wir eine gute Schulbildung. Nur es gab eben niemanden der mich so richtig lieb hatte. Ich machte dann eine Lehre als Verkäuferin und wurde von dem Supermarkt übernommen. Dort lernte ich dann Heinz kennen.
Er war LKW-Fahrer und brachte die Waren. Ach er war so charmant und immer fröhlich und er brachte mich zum Lachen und ich verliebte mich unsterblich in ihn. Dann wurde ich schwanger und wir heirateten. Doch dann stellte sich heraus wie verschieden wir doch waren. Ich bin zu größter Sparsamkeit erzogen worden und Heinz war eben ein Bruder Leichtfuß.
Das Geld zerrann ihm nur so zwischen den Fingern und immer öfter gab es Streit. Dann nahm er noch einen Kredit auf, um ein teures Auto zu kaufen. Eine Woche später ist er dann verunglückt und nun sitze ich hier mit einem Berg Schulden.“
Plötzlich überkommt sie die Verzweiflung. Ein heftiges Schluchzen schüttelt den zierlichen Körper.
Marietta lässt sie weinen, denn sie weiß; Tränen reinigen die Seele.
Endlich hebt die junge Frau den Kopf und lächelt kläglich.
Entschuldigen sie, nun jammere und heule ich ihnen etwas vor.“
Es ist gut, dass alles mal raus kommt, viel zulange hast du alles mit dir allein herum getragen. Ich darf doch du sagen?“
Else nickt.
Gut, ich bin Marietta!“
Später vertraut Else ihrer neuen Freundin an, dass sie ein schlechtes Gewissen hat, weil sie Tommy soviel allein lassen muss und außerdem befürchte sie, dass das Jugendamt sich vielleicht einschalten könnte.
Ich habe eine Idee,“ verkündet Marietta, „ Tommy könnte doch nach der Schule zu uns kommen, ich bringe ihn dann abends ins Bett und bleibe bei ihm, bis du nach Hause kommst.“
Else umarmt die alte Dame mit Tränen in den Augen.
Und als sie am nächsten Morgen Tommy davon erzählt, stößt dieser ein Indianergeheul aus.
Und nun beginnt für alle ein schönes Leben. Tommy kommt freudestrahlend aus der Schule direkt zu ihnen und nach dem Mittagessen macht er mit Onkel Hermann seine Hausaufgaben.
Marietta aber sitzt ganz still neben den beiden und nur das Klappern der Stricknadeln ist zu hören. Sie hat einen Pullover von sich aufgetrennt, um aus der Wolle etwas für Tommy zu stricken.
Immer wieder schweift ihr Blick zu ihrem Mann, der ebenso eifrig wie der Junge über die Bücher gebeugt ist.
Der Umgang mit dem Jungen hat ihrem Mann seine Lebensfreude wieder zurückgebracht. Überraschend schnell ist er wieder gesund geworden und auch seine Haltung ist wieder straffer geworden. Als wäre Tommy ein Jungbrunnen.
Eines Tages überrascht er sie, dass er den Jungen von der Schule abholen würde. Seit sie hier wohnten hatte er nicht mehr die Wohnung verlassen.
Und Tommy freut sich, als er Onkel Hermann vor der Schule stehen sieht. Da macht es ihm auch nichts aus, dass Robin ihn mal wieder geärgert hat.
Auch Else sieht nicht mehr so verhärmt und traurig aus. Sie blüht richtig auf, wie eine verwelkte Blume, die endlich Wasser und Sonne bekommen hat.
Und so wachsen die vier ungleichen Menschen zu einer Gemeinschaft zusammen, die sich von der Armut nicht in die Knie zwingen lassen.
Und dann kommt das Glück.
Als hätte Fortuna, die ja sehr launisch ist, Gefallen an ihnen gefunden.
An einem Vormittag klingelt es und als Marietta öffnet steht ein älterer sehr gepflegter Herr vor der Tür.
Er stellt sich als Notar Friedrich Haller vor und möchte ihren Mann sprechen.
Marietta führt ihn in die Küche.
Nachdem er freundlich dankend Platz genommen hat, holt der Besucher aus seiner Aktentasche einige Papier heraus und sieht dann lächelnd in die erwartungsvollen Gesichter des Ehepaares.
Ist ihnen der Name Frederic van Geldern ein Begriff?“
In Herberts Augen blitzt es überrascht auf.
Freddy? Er war mein Jugendfreund, ein wenig leichtsinnig und vor dreißig geriet er dann auch in Schwierigkeiten und musste das Land verlassen.“
Ja und sie haben damals seine Schulden bezahlt, gaben ihm das Reisegeld und noch eine größere Summe für einen Neuanfang.“
Ich habe nie wieder etwas von ihm gehört,“ bedauert Herbert.
Herr von Geldern wollte mit der Vergangenheit gänzlich abschließen. Er hat es in Kanada zu Wohlstand gebracht, hat dort geheiratet und drei Kinder. Kürzlich nun ist er verstorben und hat sie in ihrem Testament bedacht.
Er hat nie vergessen, was sie damals für ihn getan haben und hat ihnen die Summe, die sie bezahlten plus Zinsen der vergangenen Jahre hinterlassen.“
Als der Notar dann die sechsstellige Summe nennt stockt ihnen der Atem und sie können es gar nicht fassen.
Noch lange nachdem Dr. Haller sie verlassen hat sitzen sie stumm da und starren auf den Scheck, der vor ihnen auf dem Tisch liegt. Dann aber fallen sie sich weinend und lachend in die Arme.
Und sie schmieden Pläne. Als erstes wollten sie hier ausziehen und ein Häuschen mit Garten kaufen, in dem sie gemütlich ihren Lebensabend verbringen können.
Doch dann wird Herbert traurig. „Dann sehen wir ja Tommy nicht mehr?“
Marietta lächelt.
Wir nehmen die beiden einfach mit. Else kann uns den Haushalt führen und wir geben ihr ein gutes Gehalt, dass sie ihre Schulden abzahlen kann.
Und für Tommy legen wir ein Sparbuch an, dass er später studieren kann.
Schließlich sind die beiden doch unsere einzige Familie.“
Herbert gibt seiner Frau einen Kuss.
Schatz du hast die besten Ideen.“
Dann lächelt er verschwörerisch.
Wir wollen aber noch nichts sagen, erst wenn wir das passende Haus gefunden haben. Komm zieh dich an, wir wollen den Scheck auf die Bank bringen, schauen gleich bei einem Makler vorbei und dann holen wir Tommy gemeinsam von der Schule ab.
Einige Wochen später haben sie das passende Haus gefunden. Eine alte Villa inmitten eines parkähnlichen Gartens, teilweise bereits möbliert.
Im Erdgeschoss eine große gemütliche Wohnküche, ein Salon, eine Bibliothek und ein Schlafzimmer.
Im oberen Stock sind vier Zimmer und ein Bad.
Sie beauftragen einen Innenarchitekten der die Zimmer nach ihren Wünschen einrichten soll.
Tommy bekommt ein tolles Jugendzimmer und ein Schlafzimmer und für Else wird ein gemütliches Wohnzimmer und Schlafzimmer bestellt.
Ende November ist das Haus bezugsfertig.
Es ist Sonntag und die vier sitzen gemütlich beim Frühstück, als es klingelt.
Else öffnet die Tür und führt einen Taxifahrer herein.
Gut, dass sie schon da sind, wir kommen sofort, nehmen sie bitte die Tasche mit.“
Herbert drückt dem Mann eine große Reisetasche in die Hand und gleichzeitig einen Geldschein, der diesen strahlen lässt.
Er tippt sich an die Mütze und poltert die Treppe hinunter.
Herbert reibt sich vergnügt die Hände.
Holt eure Mäntel wir machen einen Ausflug!“
Wenig später sitzen sie alle vier im Taxi und erreichen kurze Zeit später die Villa.
Sie öffnen das schmiedeeiserne Tor und als sie durch den weitläufigen Park zum Haus gehen,sieht Tommy sich staunend um.
Wer wohnt denn hier?“ fragt er ehrfürchtig.
Herbert lächelt nur, holt einen Schlüssel aus der Tasche und öffnet das schwere Portal.
Wie staunen Else und Tommy als sie die große Halle sehen und dann werden sie von Zimmer zu Zimmer geführt.
Im Wohnzimmer aber steht ein kleiner Biedermeiertisch und auf einem weißes Deckchen steht eine wunderschöne Spieluhr. Wenn man genau hinsieht, kann man das glücklich strahlende Lächeln der kleinen Ballerina erkennen. Sie ist wieder zuhause.
Aber wer wohnt denn hier,“ will Tommy wissen.
Wir, es ist unser Haus,“ erklärt Herbert.
Große Tränen rollen über die Wangen des Jungen.
Aber, aber, dann sind Mama und ich ja ganz allein,“ schluchzt er und auch Else sieht traurig aus.
Marietta lacht vergnügt.
Aber nicht doch ihr kommt mit uns. Komm wir zeigen euch eure Zimmer.“
Sie gehen die breite Treppe nach oben und Else staunt als sie ihre liebevoll eingerichteten Zimmer sieht.
In ihrem kleinen Wohnzimmer steht eine große Schale mit den feinsten Pralinen.
Marietta aber nimmt den Jungen zur Seite und flüstert.
Da hinten sind deine beiden Zimmer, dort wartet jemand auf dich.“
Darf ich?“ Marietta nickt und Tommy saust los, gleich darauf hört man ihn jubeln.
Er kommt zurück einen dicken kuscheligen Bären mit blauer Latzhose auf dem Arm.
Du hast ihn geholt!“
Die alte Dame lächelt. „Er wohnt jetzt auch bei uns.“
Später sitzen sie dann alle in der gemütlichen Küche und nun geht es ans erzählen.
Else wischt sich immer wieder über die Augen.
Das ist wie Weihnachten im November.“
Und sie bleiben gleich über Nacht, denn in der großen Reisetasche hat Marietta für alle Nachtzeug eingepackt und der Kühlschrank ist auch gefüllt.
Am nächsten Tag wird sie das Taxi wieder abholen, denn es gibt noch einiges zu regeln. Aber bald würden sie für immer hier bleiben.
Else kündigt und da sie noch Urlaub hat muss sie nur noch eine Woche arbeiten.
Marietta aber geht mit Else und Tommy zum Einkaufen und kleidet sie vollkommen neu ein. Als Else protestieren will, meint sie nur: „Ihr seid jetzt unsere Familie.“
Und am nächsten Wochenende wohnen sie dann bereits alle sechs in der Villa.
Abends aber wenn alle schlafen, schlüpft Bernie aus dem Bett von Tommy und schleicht hinunter zu der kleinen Ballerina und sie unterhalten sich die ganze Nacht.

© Lore Platz




Dienstag, 15. September 2015

Manuela will nicht verreisen - Reizwortgeschichte

Heute geht es um die Reizwörter: 
Urlaub, Abschied, pink, langweilig, singen
Viel Spaß beim Lesen!






Manuela will nicht verreisen
  
Manu warte doch!“ Atemlos erreicht Ilse ihre Freundin.
Dann stutzt sie. „Du weinst ja?“
Manu schnieft und fährt sich mit dem pinkfarbenen Ärmel ihrer Jacke über die Augen.
Meine Eltern wollen nach Dubai. Nächste Woche schon fliegen wir los.“
Aber das ist doch toll. Stell dir bloß vor Luxushotels, Meer, Sand und vielleicht darfst du sogar auf einem Kamel reiten. Wir fahren nur an die Ostsee.“
Aber ich will nicht mitfahren. Dort werde ich mich zu Tode langweilen und außerdem darf Kalimero nicht mit. Er muss in eine Hundepension!“
Ilse ist entsetzt. Wenn sie daran denkt, dass sie sich drei Wochen von ihrem Hund Fussel trennen müsste. Zum Glück haben ihre Eltern ein Ferienhaus gemietet, in dem Haustiere erlaubt sind.
Mitfühlend legt sie den Arm um ihre Freundin.
Und wenn du bei deiner Oma bleibst?“
Die ist gerade zur Kur und kommt erst in vier Wochen wieder,“ seufzt Manu.
Als das Mädchen den Garten betritt kommt ihr der schwarze Mischling schon entgegen und Manu umarmt ihn stürmisch und vergräbt schluchzend das Gesicht in dem dicken Fell.
Bedrückt betrachtet die Mutter die beiden durch das Küchenfenster.
Missmutig betritt Manu die Küche, während Kalimero vergnügt neben ihr herspringt.
Tag,“ murmelt sie, sieht aber ihre Mutter nicht an.
Manuela, ich weiß, dass es für euch beide nicht leicht wird, aber sieh doch drei Wochen gehen schnell vorbei und Kalimero wird es sicher in der Hundepension gefallen.“
Das glaubst du doch selbst nicht! Ich habe übrigens keinen Hunger. Komm Kalimero!“
Einige Tage später fahren sie alle zusammen zur Hundepension Sonnenschein.
Es ist ein hübsches Anwesen und verschiedene Tiere tummeln sich in eingezäunten Wiesen.
Eine nette junge Frau kommt ihnen entgegen. Sie streichelt den Hund und meint: „Wir zwei werden uns schon verstehen.“ Und zu den Bergmanns gewandt,“ machen sie sich keine Sorgen. Es wird ihm bei uns gut gehen.“
Der Abschied zwischen Manuela und Kalimero ist herzzerreißend.
Zu Hause angekommen verschwindet sie sofort in ihrem Zimmer.
Die Eltern sehen ihr besorgt nach. Es gefällt ihnen ja auch nicht Kalimero weg zu geben, aber es geht nun mal nicht anders.
Sie können ihre zwölfjährige Tochter und den Hund nicht alleine zu Hause lassen.
Sie wird sich schon wieder beruhigen und Kalimero hat es gut in der Pension und drei Wochen sind doch schnell vorbei.“ meint Herr Bergmann, aber er glaubt selbst nicht daran und irgendwie freut auch er sich nicht mehr auf den Urlaub.
Kalimero aber liegt teilnahmslos in dem Zimmer, in das man ihn gebracht da.
Den gefüllten Futternapf neben sich beachtet er gar nicht. Er ist traurig und kann die Welt nicht mehr verstehen. Warum nur hatte man hierher gebracht?
Gegen Abend kommt der Praktikant, wechselt das Futter aus und bringt auch frisches Wasser.
Liebevoll streichelt der den Hund und meint:
Wirst dich schon bei uns eingewöhnen, morgen darfst du auch zu den anderen Hunden auf die Wiese, das wird dir gefallen und bald kommt auch dein Frauchen wieder zurück.“
Kalimero hebt nicht einmal den Kopf und der junge Mann verlässt das Zimmer.
Als die Tür mit einem Klick ins Schloss fällt springt der Hund auf. Plötzlich ist ihm eingefallen, was Manuela ihm beigebracht hat.
Er stemmt sich an das weißlackierte Holz und drückt mit der Pfote den Griff nach unten. Nach einigen vergeblichen Versuchen gelingt es.
Der Weg zur Freiheit ist offen.
Unbemerkt saust Kalimero durch das Haus und findet glücklicherweise das Haupttor nicht verschlossen.
Und nun ist er nicht mehr zu halten.
Zwei Stunden später, es ist bereits dunkel, hat er die Heimat erreicht.
Er rennt mit hängender Zunge durch den Garten, zwängt sich durch die Hundeklappe, saust die Treppe nach oben und kratzt an der Tür von Manuelas Zimmer.
Das Mädchen, das noch nicht geschlafen hat, lässt ihn herein und kniet sich auf den Boden und umarmt ihren geliebten Freund.
Und als wenig später der Mond durch das Fenster guckt sieht er einen schwarzen Hund und ein kleines Mädchen eng umschlungen im Bett liegen und tief und friedlich schlafen.
Am nächsten Morgen ist die Mutter sehr erstaunt, als Manuela und Kalimero gemeinsam in die Küche kommen.
Etwas trotzig sieht das Mädchen ihre Mutter an.
Ich habe es doch gleich gewusst, dass es ihm dort nicht gefällt. Er ist ausgerückt!“
Kalimero aber setzt sich vor Frau Bergmann und sieht sie erwartungsvoll an.
Diese lacht und füllt den Futternapf über den sich der Hund begeistert drüber stürzt.
Stellt euch vor, die Hundepension hat gerade angerufen, Kalimero ist ausgerückt. Aber da ist er ja?“
Herr Bergmann sieht erstaunt auf den Hund, der gerade mit der Zunge die letzten Reste aus dem Napf leckt.
Er grinst. „Außerdem haben sie gesagt, dass er sein Futter gestern nicht angerührt hat.“
Doch dann wird sein Gesicht ernst.
Ich denke es wird wohl nichts aus dem Flug nach Dubai.“
Vielleicht doch!“ ruft Manuela,“ich habe eine Idee!“
Sie saust aus dem Zimmer, gefolgt von dem Hund.
Einige Minuten später kommt sie wieder.
Mama, Ilses Mutter möchte mit dir sprechen.“
Den Arm um Kalimero geschlungen wartet sie nun auf ihre Mutter, die kurze Zeit später vergnügt lächelnd wieder die Küche betritt.
Manuela und Kalimero können mit Ilse und ihren Eltern an die Ostsee fahren. Die haben dort ein Ferienhaus gemietet, in dem Haustiere erlaubt sind.
Und wir beide können nach Dubai fliegen.“
Manuela stößt einen Jubelschrei aus und umarmt abwechselnd ihr Eltern, während Kalimero laut bellend um alle herum springt.
Nun muss ich aber schnell meine Koffer packen!“
Das Mädchen verlässt die Küche, gefolgt von ihrem treuen Begleiter.
Auf dem Weg nach oben hört man sie laut singen.
Frau Bergmann betrachtet ihren Mann, der ein ganz komisches Gesicht macht.
Freust du dich denn nicht, dass wir das Problem lösen konnten?“
Naja schon, aber es ist doch ein komisches Gefühl, wenn man bei seiner Tochter erst an zweiter Stelle kommt. Die Trennung von uns scheint ihr gar nichts auszumachen.“
Seine Frau lacht vergnügt.
Bist du etwas eifersüchtig auf den Hund.“
Liebevoll legt sie die Arme um seinen Hals und schmiegt ihren Kopf an sein Gesicht, dann flüstert sie in sein Ohr.
Denk doch daran, wie schön es auch für uns sein wird mal ohne Manuela zu vereisen. Fast wie zweite Flitterwochen.
Herr Bergmann grinst zieht seine Frau auf seinen Schoß und besiegelt ihre Wort mit einem langen zärtlichem Kuss.

© Lore Platz


Dienstag, 8. September 2015

Nachts im Pfandhaus - Reizwortgeschichte

Schon wieder ist eine Woche vorbei und es gibt sie wieder, unsere Reizwortgeseschichten.
Ein Glück, dass es etwas kühler geworden ist, denn nun fühlt sich die Muse wieder wohl in meiner warmen Stube.
Diesmal geht es um die Reizwörter:
Spieluhr, Puppe, verboten, tanzen, heimlich







 
Nachts im Pfandhaus


Obwohl es noch nicht 18 Uhr war dämmerte es bereits und es war für September auch schon empfindlich kühl.
Die alte Frau, die langsam die Straße entlang ging, fröstelte und sie zog das wollene Tuch fester um ihre Schultern.
Eine kleine Glocke über der Tür bimmelte leise, als sie das alte Pfandhaus betrat.
Der Pfandleiher, Herr Pfefferkorn, sah der Kundin abwartend entgegen.
Diese holte aus ihrer Tasche einen in grobes Papier eingeschlagenen Gegenstand hervor.
Vorsichtig löste sie das Packpapier und es kam eine wunderschöne Spieluhr aus Porzellan hervor.
Eine zierliche Ballerina stand in der Mitte auf Zehenspitzen, als warte sie nur darauf, dass sie zu tanzen beginnen dürfe.
Herr Pfefferkorn setzte seine Brille auf und betrachtete das kleine Kunstwerk von allen Seiten. Den Stempel einer namhaften Firma sah er sich sehr genau an.
Hundert Euro,“ brummte er.
Die alte Frau nickte und der Geldschein wechselte den Besitzer.
Etwas traurig sah sie dann auf die Spieluhr und strich wie Abschied nehmend der kleinen Tänzerin über den Kopf.
Dann drehte sie sich um und verließ schnell den Laden.
Herr Pfefferkorn aber trug den Neuzugang in das große Buch ein.
Er bekam tagtäglich soviel Elend zu sehen, dass er sich Mitleid nicht leisten konnte.
Die Zeiten waren schlecht.
Wieder bimmelte die Tür und ein junger Mann stürmte herein. Er trug einen fadenscheinigen Anzug und einen dicken Wollschal um den Hals und seine Haare waren vom Wind zerzaust.
Der Pfandleiher schmunzelte.
Der Künstler Adalbert Kernhaus kam so oft zu ihm, dass er schon ein lieber Bekannter war.
Der junge Mann legte einige Geldscheine auf den Tresen.
Lieber Herr Pfefferkorn ich habe ein neues Engagement und einen Vorschuss bekommen. Ich möchte meine Geige auslösen.“

Als der etwas abgeschabte Geigenkasten vor ihm auf dem Tisch lag, holte er das Instrument hervor und bald war der Raum erfüllt von einschmeichelnden Melodien.
Die Geige verschwand wieder im Kasten und der junge Mann verließ mit einem fröhlichem Gruß den Laden.
Von der nahen Turmuhr ertönten nun sechs voll tönende Schläge und Herr Pfefferkorn nahm eine lange Stange, öffnete die Tür und zog das große eiserne Gitter herunter.
Dann versperrte er die Tür, nahm die bereit liegende Geldkassette und schlurfte die Stufen zu seiner Wohnung hinauf.
Das Licht erlosch und der Laden lag im Dunkel.
Die Menschen auf der Straße wurden immer weniger, bis sie ganz verschwanden.
Die Nacht warf ihre dunklen Schleier über das Land und die Straßenlampen schalteten sich ein und warfen ihren Lichtschein durch die Gitter in das Pfandhaus.
Auch der Mond hatte sich aus seinem Bett gewälzt, was ihm heute besonders schwer fiel, da er wieder mal beträchtlich zugenommen hatte.
Dafür schien er aber besonders hell.
Die kleine Ballerina sah sich in dem halbdunklem Raum um. Wo war sie hier nur gelandet und musste sie nun für immer hier bleiben?
Sie stieß einen tiefen Seufzer aus.
Jeder von uns hat am ersten Tag Heimweh, aber du wirst sehen so schlimm ist es bei uns gar nicht,“ hörte sie eine mitfühlende Stimme neben sich.
Sie wandte ihren Kopf uns sah einen dicken kuscheligen Teddybären neben sich sitzen.


Wo bin ich hier denn?“
Das ist ein Pfandhaus, da tragen Menschen ihre wertvollen
Dinge hin und bekommen dafür Geld, damit sie sich was zu essen kaufen können.“
Hahaaa, was ist denn an dir so wertvoll, du bist doch nur ein ausgestopftes altes Fellbündel. Und wenn ich mich recht erinnere hat der alte Pfefferkorn dem Jungen nur fünf Euro für dich gegeben.“ ertönte eine spöttische Stimme über ihnen.
Und so weit ich mich erinnere hat man für dich auch nur zehn Euro bezahlt,“ meinte Teddy gutmütig.
Was eine Frechheit ist, denn ich bin schließlich ein Sammlerstück!“ zeterte die Puppe.
Nun gib doch Ruhe, musst du immer streiten,“ meldete sich ein alter Kontrabass, der in einer Ecke lehnte.
Was willst du alter Brummkasten, bist doch schon längst von den deinen verlassen und vergessen.
Außerdem streite ich nicht, sondern sage nur meine Meinung und das wird ja wohl nicht verboten sein.“
Der Kontrabass schloss die Augen und gab keine Antwort.
Letztes Jahr an Weihnachten hat Roland, der Junge dem ich gehörte mich hierher gebracht. Er brauchte das Geld, um seiner Mutter ein Weihnachtsgeschenk zu kaufen.“ erklärte Teddy.
Jeder von uns hier hat seine eigene Geschichte, willst du uns nicht deine erzählen?“
Die Ballerina lächelte versonnen.
Mareike, die Frau die mich gestern hierher gebracht hat, und ich sind schon seit mehr als fünfzig Jahren zusammen.
An ihrem siebzehnten Geburtstag bekam sie mich als Geschenk von ihrem Verlobten. Wie oft habe ich seitdem für sie getanzt. Wir lebten in einem schönen großen Haus mit vielen Dienstboten und Mareike hat so gern gelacht und getanzt. Die Hochzeit war wunderschön und sie nahm mich mit in die Villa ihres Mannes, der ein Fabrikant war und sehr reich.
Die beiden haben sich sehr geliebt und nur manchmal war Mareike traurig, weil sie keine Kinder bekommen konnte, aber wenn ich dann für sie tanzte, dann lachte sie wieder.
So lebten wir viele viele Jahre zusammen. Und auch wenn meine liebe Mareike inzwischen graue Haare hatte, so war sie doch immer noch das fröhliche junge Mädchen geblieben und ihr Mann liebte sie wie am ersten Tag.
Doch dann vor einigen Jahren wurde alles anders. Wir mussten aus der schönen großen Villa ausziehen und wohnten seitdem in einer kleinen Wohnung in einem großen alten Haus.
Weltwirtschaftskrise hörte ich die Leute sagen.“
Ein vielstimmiger Seufzer kam aus einer Vitrine und im Chor riefen die Schmuckstücke, die dort ausgestellt waren:
Weltwirtschaftskrise, dieses schreckliche Wort kennen wir auch, es hat uns hierher gebracht.“
Die kleine Ballerina nickte und erzählte weiter.
Sie hatten alles verloren und der Mann war sehr sehr traurig, doch Mareike machte ihm Mut und sagte sie würden das schon schaffen. Doch nur ich sah ihre heimlichen Tränen. Und ich tanzte für sie!
Dann aber wurde der Mann schwer krank und sie brauchten teure Medikamente.
Gestern Abend durfte ich noch einmal für sie tanzen, dann streichelte sie mich zärtlich und flüsterte:
'Du bist das letzte kostbare Stück, das ich noch habe.'
Und heute brachte sie mich hierher.“
Eine Weile war es still und kleine Tränen flossen aus den Augen der zierlichen Ballerina.
Um sie auf andere Gedanken zu bringen fragte Teddy.
Willst du nicht für uns tanzen?“
Gern, aber dazu brauche ich deine Hilfe. Unten an dem Podest, auf dem ich stehe, ist ein kleiner Stahlstift, den musst du drücken.“
Teddy beugte sich hinunter und betrachtete zweifelnd das zierliche kleine Ding und drückte mit seiner dicken Pfote dagegen.
Nichts bewegte sich.
Meine Pfote ist wohl zu groß,“ brummte er verlegen.
Ein spöttischen Lachen über ihm ertönte.
Vielleicht kann ich ja helfen?“ piepste eine schüchterne Stimme und eine Maus kam aus einer dunklen Ecke.
Versuche es!“
Flink kletterte das Mäuschen an dem Regal hoch und ließ sich auf das Brett neben die Spieluhr fallen.
Vorsichtig drückte es dann mit seiner spitzen Nase gegen den Stahlstift und eine wunderschöne Melodie erklang und die 
Ballerina begann sich zu drehen.
Alle Gegenstände reckten die Köpfe, um sie tanzen zu sehen.
Die Musik endete und die Ballerina blieb mit hoch erhobenen Armen stehen.
Plötzlich ging das Licht auf der Treppe an und Herr Pfefferkorn kam herunter. Er trug ein langes weißes Nachthemd und eine Zipfelmütze.
Stirn runzelnd sah er sich im Raum um, schüttelte den Kopf, murmelte etwas vor sich hin und schlurfte die Treppe hinauf.
Das Licht erlosch.

© Lore Platz