Mittwoch, 18. August 2021

Das Spielzeug auf dem Dachboden






Das Spielzeug auf dem Dachboden



Am Rande der Stadt stand eine schöne alte Villa in einem parkähnlichen Garten.
Im Salon in einem gemütlichen Sessel saß eine alte Frau ein aufgeschlagenes Buch lag auf ihrem Schoß.
Doch sie las nicht.
Wie so oft waren ihre Gedanken bei ihrem Sohn Joachim, den sie seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte.
Nach einem bitterbösen Streit mit ihrem Mann war er nach Amerika gegangen.
Ihr Blick wanderte zu dem großen Ölgemälde ihres Mannes.
Aufrecht, stolz und ohne ein Lächeln stand er da und so war er auch gewesen.
Er liebte sie und seine Kinder, doch er konnte es niemals richtig zeigen. Die gute Seele des Hauses war sie gewesen und so hatten ihre Kinder trotz allem eine schöne Kindheit.
Nur Felicitas ihre kleine Tochter konnte dem strengen Vater manchmal ein Lächeln entlocken.
Doch als diese dann mit acht Jahren an einem bösen Fieber starb, versteinerte das Herz ihres Mannes und selbst sie kam nicht mehr an ihn heran.
Am meisten musste nun Joachim darunter leiden, denn der ganze Ehrgeiz ihres Mannes richtet sich auf ihn.
Er sollte Jura studieren und die Kanzlei seines Vater übernehmen, doch dem Junge lag die Juristerei nicht und
er studierte stattdessen heimlich Maschinenbau.
Als er dann stolz mit seinem Diplom nach Hause kam, als bester seines Jahrgang und dachte das müsste den Vater doch überzeugen, kam es zu einem fürchterlichen Streit.
Der Vater warf ihn hinaus und erklärte, dass er keinen Sohn mehr hätte.
Am nächsten Tag, als der Vater in der Kanzlei war, kam Joachim zu ihr und erzählte, dass er während des Studiums an einer Erfindung zur Verbesserung eines Motors gearbeitet habe und damit nach Amerika gehen wollte.
Da sie eigenes Vermögen hatte, stellte sie ihm einen großen fünfstelligen Scheck aus, denn er sollte nicht als Bettler in das fremde Land gehen.
Tränenreich nahmen sie Abschied.
Lange hörte sie nichts von ihm, dann kam ein Brief.
Begeistert schilderte ihr Junge, dass seine Erfindung Interesse bei einem großen Unternehmen gefunden habe.
Sein Chef wäre ein wundervoller Mensch, der ihn und seine Visionen verstehen würde und auch dessen Familie hatte ihn sehr herzlich aufgenommen.
Außerdem würde er am Gewinn seiner Erfindung beteiligt und wäre wohl bald ein reicher Mann.
Und dann schwärmte er von der einzigen Tochter des Hauses. Sie wäre voller Übermut wie ein kleiner Kobold, dabei aber sei sie so grazil und anmutig und er liebte sie.
Vielleicht gäbe es bald eine Hochzeit.
Wie hatte sie sich darüber gefreut, dass er in der Fremde so liebevolle Menschen gefunden hatte und sie wartete nun gespannt auf die Nachricht der Hochzeit.
Und dann kamen die Bilder. Sofort schloss sie die reizende junge Dame in ihr Herz und tief im Inneren spürte sie, dass dieses Mädchen ihren Jungen glücklich machen würde.
Ihrem Mann sagte sie nichts davon, denn seit er ihren Jungen aus dem Haus geworfen hatte, war die Kluft zwischen ihnen noch größer geworden.


Vor sechs Jahren dann kamen die Zwillinge Alexander und Ramona auf die Welt.
Sie bedauerte, dass sie ihre Enkel nicht sehen konnte, doch Joachim schickte immer wieder Fotos, sodass sie den Werdegang der Kinder mitverfolgen konnte.






Vor zwei Jahren erblickte die kleine Felicitas das Licht der Welt und sie weinte Freudentränen, dass Joachim seiner Tochter den Namen seiner Schwester gegeben hatte.
Nun war also wieder eine kleine Fee in der Familie.
Als sie mit ihrem Mann die schweigsame Mahlzeit einnahm, legte sie ihm die Fotos hin.
Deine Enkelkinder!“
Er runzelte die Stirn.
Ich habe keinen Sohn und folglich auch keine Enkelkinder!“
Er stand auf und verließ das Zimmer.
In diesem Moment hasste sie ihn.
Noch mehr als bisher ging sie ihm aus dem Weg. Sie war eine fröhliche herzlich Frau, die gerne lachte und wollte nicht zu Hause versauern.
Also ging sie mit ihren Freundinnen in die Oper oder in ein Café, auch trafen sie sich wöchentlich zum Bridge.
Sie genoss ihr Leben und bedauerte ihren Mann der immer mehr vereinsamte.
Nein, sie hatte kein Mitleid mehr mit ihm, bis sie ihn eines Tages beobachtete, wie er heimlich in ihrem Schreibtisch stöberte und die Bilder seines Sohnes und der Enkelkinder betrachtete.
Da verschwand all ihr Groll, denn sie ahnte, dass er in seinem eigenen Wesen gefangen war und nicht wusste wie er da heraus kommen konnte.
Und sie wurde wieder herzlicher zu ihm und merkte wie gut es ihm tat und als er dann schwer erkrankte, dann pflegte sie ihn liebevoll und sie kamen sich wieder näher.
Kurz bevor er starb nahm er ihre Hand und flüsterte:

Verzeih, dass ich so ein schlechter Ehemann war und sag unserem Sohn wie sehr mir mein Verhalten ihm gegenüber leid tut und wie stolz ich auf ihn bin.“

Ein Klopfen an der Tür schreckte sie aus ihren Gedanken. Der langjährige Diener Johann brachte ein Telegramm.
Die alte Dame öffnete es und strahlte.
Johann, unser Joachim kommt übermorgen mit Familie. Ruf sofort eine Putzfirma an, das ganze Haus muss auf den Kopf gestellt werden. Karl soll Martha zum Einkaufen fahren und mir bringe bitte ein Tasse Tee!“





Hinter der Wandvertäfelung saß die Maus Celina und ihr Näschen zuckte aufgeregt. Bald würde das Haus voller putzsüchtiger Menschen sein, die in jeden Winkel krochen.
Sie musste sofort ihre Kinder in Sicherheit bringen, am besten auf den Dachboden.
Ach die armen Kleinen, sie konnten doch kaum laufen, aber es musste sein.
Auf dem Dachboden auf einer Kiste saß ein Kasperle, ließ die Beine baumeln und starrte durch die kleine Luke, durch die man gerade noch ein klein wenig vom Himmel erkennen konnte.
Seit über zwanzig Jahren führten sie hier oben nun ein trostloses Dasein.
Selbst ihm, der doch von Natur aus ein fröhlicher Geselle war, verging manchmal die gute Laune.
Was waren das damals für schöne Zeiten, als der junge Master Joachim sich noch Geschichten ausdachte und sie seiner kleinen Schwester und ihren Freunden vorspielte.
Ach wie vermisste er das Lachen der Kinder!
Als die kleine Felicitas dann an einem bösen Fieber starb, wurde alles Spielzeug auf den Dachboden verbannt.




Zwischen den Balken trippelte die Maus hervor.
Hallo Celina,“ rief das Kasperle erfreut, „du warst ja lange nicht mehr hier, schön dich zu sehen. Aber wo ist dein
Mann?“
Ach Kasperle, den hat vor einiger Zeit die Katze erwischt, nicht mal seine Kinder konnte er noch sehen, dabei hat er sich so darauf gefreut.“
Eine dicke Träne lief ihr über die Wangen.
Sie wandte sich um und spähte zur Mauer und murmelte: Wo bleiben sie nur?“
Dann begann sie zu singen.
Do – Re – Mi – Fa – So -La -Si“
Hinter der Wand ertönte die Antwort:
Si – La – So – Fa – Mi – Re – Do“ und sieben Mäusekinder schlüpften durch das Loch.
Das Kasperle sprang auf und verneigte sich vor den jungen Damen, dann wandte er sich lachend an die Mutter.
Du hast deine Kinder nach der Tonleiter benannte?“
Celina errötet etwas, dann erklärte sie:
Ich wohnte bevor ich meinen Franz kennen lernte bei einer Opernsängerin und als ich dann genau sieben Kinder bekam, dachte ich, sie so leichter zu finden.“
Wer singt denn da?“ Nun waren auch die anderen Figuren aufgewacht.
Der König half seiner Königin aus der Kiste, der Prinz reichte der Prinzessin galant die Hand, der Jäger, der Seppl, die Großmutter kraxelten aus der Kiste. Und selbst das Krokodil riss gähnend das Maul auf.
Rasselnd fiel die Zugbrücke der Ritterburg herunter und die Ritter galoppierten heraus.
Der Anführer ließ sein Pferde steigen und wollte wissen.
Wer hat hier um Hilfe gerufen, wen müssen wir retten!“
Niemanden, hier wurde gesungen. Aber mit euren Blechbüchsen auf dem Kopf könnt ihr das ja nicht unterscheiden.“
Das Kasperle grinste.
Der Ritter warf ihm einen finsteren Blick zu, wendete sein Pferde und sie ritten zurück.
Die Zugbrücke schloss sich hinter ihnen.




Inzwischen war auch die Familie aus dem Puppenhaus und der dicke Kaufmann aus dem Kaufmannsladen zu ihnen
gekommen und Celina erzählte ihnen nun, warum sie mit ihren Kindern hier herauf geflüchtet war.
Alle freuten sich. Kinder im Haus, dann würden sie bestimmt bald wieder nach unten dürfen.



Da wäre ich mir nicht so sicher!“ rief eine Stimme.
Eine Taube hatte sich auf der Luke niedergelassen und die Unterhaltung belauscht.
Die Kinder heutzutage haben ganz andere Spielsachen und werden sich mit so einem alten Krempel bestimmt nicht zufrieden geben.“
Mit einem spöttischen Lachen flog sie davon und hinterließ eine mutlose Stimmung.





Endlich war der ersehnte Tag da und die alte Dame lief immer wieder zum Fenster.
Geduld war heute nicht ihre Stärke.
Endlich waren sie da!
War das ein Wiedersehen. Selbst Johann hatte Tränen in den Augen.
Minna hatte extra frischen Waffeln gebacken, weil der Junge die so gern aß.
Nach dem Essen ging ihre Schwiegertochter mit der Nanny und der kleinen Fee nach oben.
Joachim aber setzte sich mit seiner Mutter in den Salon und sie erzählte ihm von den letzten Worten seines Vaters.
Später kam auch noch Leonie dazu und sie sprachen davon, dass sie jetzt für immer in Deutschland bleiben würden, denn Joachim sollte hier eine Zweigstelle errichten
und die alte Dame bot ihnen an, doch hier zu wohnen. 
Die Villa wäre so groß und wenn sie etwas verändern wollten, dann könnten sie das gerne tun.



Die Zwillinge aber durchstöberten das Haus und kamen natürlich auch auf den Dachboden.
Lärmend polterten sie kurze Zeit später die Treppe herunter, total verdreckt aber mit glücklich strahlenden Gesichtern.
Mom, Dad, der Dachboden ist voll mit Spielzeug, sogar
eine Ritterburg ist da oben,“ rief Alexander begeistert.
Joachim sprang auf.
Meine alte Ritterburg gibt es noch, die ich muss ich sehen!“
Und wie der Blitz waren die Drei verschwunden.
Die beiden Frauen lachten herzlich.
Manchmal ich denken, ich haben vier Kinder!“
Die alte Dame aber nahm die Hand der Schwiegertochter und sagte leise.
Ich danke dir, dass du und deine Familie meinen Sohn so herzlich bei euch aufgenommen habt.
Er ist so glücklich.“
Diese lächelte. „Jo sein ein besonders lieber Mann and a wundervoll Daddy!“
Kurze Zeit später standen drei strahlende Dreckspatzen an der Tür zum Salon.



Joachim mit der Ritterburg und auch die Zwillingen hatten beide Hände voller Spielsachen.
Kommt bloß nicht damit herein, bringt sie lieber gleich in die Waschküche. Sie müssen erst sauber gemacht werden und euch könnte es auch nicht schaden, wenn ihr unter die Dusche geht,“ lachte die Großmutter.
oooh, Grandma, wir wollen doch auch noch die anderen Spielsachen holen,“ maulten die Zwillinge.
Die können Karl und der Gärtner holen und Millie wird sie sauber machen, dann können sie ins Spielzimmer.“
Hier gibt es ein extra Spielzimmer, wundervoll!“ riefen die Kinder begeistert und stürmten davon.
Ich gehen mal lieber nach ihnen, denn man weiß nie was fällt wieder ein ihnen,“ lachte Leonie.
Die alte Dame aber lehnte sich glücklich zurück.
Nun war das Haus wieder voller Leben!

Darüber freuten sich auch die Spielsachen, als sie frisch poliert und aufgebessert Einzug in das Spielzimmer hielten und sie wurden auch nie mehr auf den Dachboden verbannt.
Denn auch die nächsten Generationen spielten mit dem inzwischen antiken Spielzeug noch gerne.


Die alte Frau aber durfte es noch viele Jahre miterleben, wie ihre Enkel heranwuchsen, erlebte noch die Geburt ihres ersten Urenkels, bis sie dann glücklich die Augen für immer schloss.


© Lore Platz





2 Kommentare:

  1. Zunächst eine traurige Familiengeschichte, doch es wäre keine Loregeschichte, wenn sie nicht ein positives glückliches Ende finden würde. Schade um einige verschenkte zufriedene Jahre, doch so ist eben manchmal das Leben. Ob es wohl den Mäuschen weiter gut ging?

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  2. Eine zuerst traurige Familiengeschichte, die sich zum Glück später zum Guten wendet. Danke liebe Lore!

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