Samstag, 9. November 2013

Mein Vater - Erinnerungsgeschichte



Er war 24 Jahre alt und gerade verheiratet, als er 1939 in den Krieg ziehen musste.
Als er dann einmal Urlaub von der Front bekam, fuhr ihm seine junge Frau entgegen und der Bahnhof, an dem sie ihn erwartet wurde durch Bomben zerstört und er war Witwer.
Dieser Krieg hat so viel Unheil und Leid den Menschen gebracht.
Später lernte er dann meine Mutter kennen und diese schrieb ihm jeden Tag einen Brief an die Front.
1944 haben sie dann geheiratet.
Mein Vater wurde dann schwer verwundet und während er in Deutschland im Lazarett lag, wurde seine gesamte Einheit in Russland getötet.
Er wurde dann nach Ingolstadt in die Kaserne versetzt und meine Mutter folgte ihm und er mietete ihr ein kleines Zimmer.
Nach dem Krieg blieben meine Eltern in Bayern und mein Vater ging zur Polizei.
Er wurde in einen kleinen Ort versetzt, in dem in einem ehemaligen Schloss in der großen Halle die Polizeistation war.
Ich verbrachte viele Stunden in der gemütlichen Wachstube.



Als ich klein war brachte mich meine Mutter zu meinem Vater, wenn sie etwas zu erledigen hatte.
Und da ich sehr brav und ruhig war, hatte keiner etwas dagegen und ich wurde so ein bisschen das Maskottchen der Gendarmerie.
Später, als ich größer war, besuchte ich oft meinen Vater, durfte auf den alten Schreibmaschinen herum klappern und spitzte mit Begeisterung für jeden die Bleistifte.
Am Pult war ein Spitzer angeschraubt, in die Rolle vorne steckte man den Stift und durch kurbeln wurde er spitz.
Als ich ungefähr zwei Jahre alt war starb meine Großmutter mütterlicherseits und meine Eltern wollten mich nicht auf die weite Zugreise ins Saarland mitnehmen.
Ein Kollege meines Vaters, der selbst zwei kleine Jungen hatte, erbot sich, mich während dieser Zeit aufzunehmen und da ich ihn kannte fremdelte ich auch nicht.
Zwei Tage später hatte ich meine Eltern vergessen und da der
Kollege dieselbe Statur und Uniform wie mein Vater hatte, war
er bald für mich mein Vater.
Jeden Abend, wenn er vom Dienst nach Hause kam, wieselte ich in den Flur, hievte seine schweren Pantoffeln hoch und stolperte auf ihn zu, streckte ihm die Puschen mit strahlendem Lächeln und den Worten: „Vati kalte Füß!“, entgegen.
Dieser Satz verfolgte mich dann jahrelang.
Jedes Mal wenn ich dem Kollegen begegnete, egal wo und wenn es mitten im Supermarkt war, dann grinste er von einem Ohr zum anderen und brüllte mit seiner dröhnenden Stimme:
Vati kalte Füß!“
Das konnte manchmal ganz schön peinlich sein, besonders wenn man inzwischen ein Teenager ist.



Wir hatten eine schöne Kindheit.
Es war keine heile Welt, es wurde auch gestritten, gezickt, gezankt und wir bekamen, wenn wir es verdienten auch eine auf den Popo.
Doch die vielen fröhlichen und glücklichen Stunden, sowie die Liebe und Geborgenheit begleiten uns ein Leben lang.
Bei uns wurde viel gesungen, besonders die alten Volkslieder, wenn wir drei Mädels abspülten sangen wir dabei und aus irgendeinem Zimmer fiel meine Mutter mit ein und manchmal brummte auch mein Vater dazwischen.
Mein Lieblingslied ist übrigens bis heute:
Am Brunnen vor dem Tore...“

Mein Vater liebte Friedrich Schiller.
Als Bub musste er das lange Gedicht vom Lied der Glocke auswendig lernen und jedes mal wenn er uns ärgern wollte zitierte er daraus.
Samstags saßen wir gerne mit unserer Mutter länger am Frühstückstisch und erzählten und lachten.
Das mochte er gar nicht, vielleicht fühlte er sich auch als einziger Mann ausgeschlossen.
Jedenfalls, sobald er seine Tasse Kaffee ausgetrunken hatte, erhob er sich, ging in das angrenzende Zimmer und begann demonstrativ aufzuräumen und dabei zitierte er so laut, dass wir es ja auch mitbekamen aus dem Lied der Glocke:

Und drinnen waltet
Die züchtige Hausfrau
Die Mutter der Kinder
Und herrscht weise
Im häuslichen Kreise
Und lehret die Mädchen
Und wehret die Knaben
Und regt ohne Ende
Die fleißigen Hände“

Natürlich hat uns das zu noch größeren Heiterkeitsausbrüchen
veranlasst und am Ende musste er selbst mitlachen.
Sind es nicht gerade seine Macken, die einen Menschen besonders liebenswert machen?





Als wir größer waren lag jedes Jahr unter dem Weihnachtsbaum ein Gesellschaftsspiel und wir saßen dann zusammen und spielten.
Mein Vater mogelte für sein Leben gerne dabei, aber so, dass man es merkte, denn meine Mutter regte sich immer furchtbar darüber auf und das bereitete ihm eine diebische Freude.




Überhaupt verband meine Eltern eine große Liebe zueinander die 44 Jahre hielt.
Leider erkrankte mein Vater die letzten vier Jahre an Alzheimer.
Eine sehr schlimmer Krankheit, denn der Mensch den du einst gekannt hast, verschwindet mit der Zeit, lange vor seinem Tod.
Aber ich behalte ihn in Erinnerung wie er war: Ein guter Vater!








Kommentare:

  1. Ich bin ein echter Fan deiner Erinnerungsgeschichten, weil ich dich so noch besser kennen lernen. Und die Fotos - einfach schön! LG Martina

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  2. Ich auch, liebe Lore,
    ich schließe mich Martina an, ich kann gar nicht genug bekommen von deinen ERinnerungsgeschichten!
    Herzliche Grüße
    Regina

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  3. Guten Morgen liebe Lore
    Deine Erinnerungsgeschichte hast Du wieder sehr rührend mit einem leichten Lächeln dargestellt,
    nun warte ich schon auf die nächste Geschichte.
    Liebe Grüße Joachim

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Für die lieben Kommentare möchte ich mich bedanken, ich freue mich über jeden einzelnen, auch wenn ich nicht immer dazu komme, sie zu beantworten.