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Mittwoch, 9. Oktober 2024

Jasper das besondere Rentier 1





Jasper, das ganz besondere Rentier


Es ist Frühling in Norwegen.
Der Ren-Hirsch Tundor steht auf einer Anhöhe und lässt stolz seinen Blick über seine kleine Herde gleiten.
Er hat sie hier auf diese geschützte Bergwiese geführt, damit seine Kühe in Ruhe ihre Kälber zur Welt bringen können.
Neun junge Rentiere springen bereits munter über die Wiese.
Nur Alleschja seine Lieblingskuh hat noch nicht geworfen.
Mit besorgtem Blick sucht er sie in der Herde und bemerkt wie sie zu Boden sinkt.
Er dreht sich um und galoppiert den steilen Weg hinunter. Steinchen lösen sich unter seinen Hufen und kullern über den grasbewachsenen steinigen Boden.
Als er bei Alleschja ankommt, stupst er sie sanft mit der Nase an und bemerkt nicht die eifersüchtigen Blicke der anderen Kühe.
Alleschja stöhnt auf und der kleine Ren-Hirsch ist geboren.
Stolz beobachten die Eltern wie der Kleine tolpatschig versucht auf die Beine zu kommen und immer wieder umkippt. Endlich hat er es geschafft und bleibt schließlich noch etwas zittrig stehen.
Mit tapsigen Schritten stolpert er zu seiner Mutter und hat bald die Zitzen gefunden und beginnt gierig zu trinken.
Jasper wächst zu einem hübschen jungen Rentier heran, auch hat er ein freundliches, vertrauensvolles Gemüt und ist viel zu arglos, um zu erkennen, dass die anderen Jungtiere, aufgestachelt von ihren Müttern ,ihn nicht leiden können.
Aber da er der Liebling von Tundor ist, wagen sie es nicht es offen zu zeigen.
Wieder kommt ein Frühling und Jasper ist nun ein Jahr alt und sein Geweih beginnt sich langsam zu bilden.
Und Jasper ist mächtig stolz auf die kleinen Sprossen auf seiner Stirn.
Im Sommer hat er schon ein stattliches Geweih .
Eines Tages , als er voller Freude über die Wiese und direkt zu seiner Mutter galoppiert, glaubt diese, dass ein Blitzen von Jaspers Geweih aus geht.
Aber als er dann vor ihr steht, denkt sie nur die Sonne hätte sie geblendet.
Bald aber bemerkt sie, dass mit ihrem Sohn nicht alles in Ordnung war.
Immer wenn Jasper sich freut, erschrickt oder übermütig ist, beginnt sein Geweih zu leuchten und zu blitzen.
Nicht lange und auch die anderen Rentiere bemerken es.
Eines Tages, als Tundor zu Alleschja und seinem Sohn geht, läuft ihm Jasper voller Freude entgegen und dabei blinkt und leuchtet sein Geweih in schönstem Rot.
Tundor bleibt stehen und starrt seinen Sohn an.
Alleschja stellt sich neben Jasper und wirft Tundor einen herausfordernden Blick zu.
Dieser sieht sie an. In seinem Blick liegt Entsetzen, Bedauern und Verachtung. Dann wendet er sich um und geht.
Seit diesem Tag meidet er Alleschja und seinen Sohn.
Sobald die anderen Jungtiere mit bekommen, dass Jasper nicht mehr unter Tundors Schutz steht, beginnen sie ihn zu hänseln und zu ärgern.
Jasper wird immer stiller und all seine Fröhlichkeit ist verschwunden.
Er weicht seiner Mutter kaum noch von der Seite und beide halten sich abseits von der Herde.
Inzwischen ist es Herbst geworden.
Jasper liegt neben seiner Mutter im Gras und blickt hinauf zu den Sternen.
„Mama, ist es wegen meinem Geweih, dass alle so gemein zu mir sind und selbst Papa mich nicht mehr lieb hat, obwohl ich doch niemand etwas Böses getan habe ?“
Alleschja schließt die Augen, um die Tränen zurück zu halten.
Liebevoll fährt sie mit der Zunge ihrem Sohn über den Kopf.
„Ich hab dich doch lieb und dein Geweih ist etwas ganz besonderes. Die anderen sind nur zu dumm ,um das zu erkennen.
Der große Herr der Tiere, der im Himmel wohnt hat sich bestimmt etwas dabei gedacht. Sicher wartet eine große Aufgabe auf dich.“
Jasper lächelt , legt seinen Kopf auf die Beine und schließt zufrieden die Augen.
Alleschja aber sieht voller Sorgen hinauf in den Sternenhimmel
Am nächsten Tag haben die beiden die Herde verlassen.
Nun ziehen Alleschja und ihr Sohn allein über die weiten Flächen von Norwegen.
Wenn sie einer Herde begegnen weichen sie aus, denn sie fürchten Häme und Spott.
Alleschja lehrt ihrem Sohn wie man in der Wildnis überlebt.
 
 

Diesmal kommt der Winter sehr früh und mit eisiger Kälte.
Die Nahrungssuche wird immer schwerer und oft denkt Alleschja, ob es nicht doch besser wäre den Schutz bei einer der großen Rentierherden zu suchen.
Doch dann fällt ihr Blick auf ihren Sohn und sie verwirft den Gedanken.




Eines Abends lagern sie in einer Höhle. Jasper schläft bereits tief und fest, doch Alleschja hebt lauschend den Kopf. Wölfe!
Sie springt auf beugt sich über ihren Sohn, und streicht mit der Nase zart über seine Wange.
Jasper lächelt im Schlaf und sein Geweih flackert freundlich.
Alleschja geht zum Ausgang, dann dreht sie sich noch einmal Abschied nehmend um und sieht mit traurigen Blick auf den Schlafenden.
„Leb `wohl mein Junge, du bist stark und tapfer und wirst nun deinen Weg alleine schaffen.“
Hoch erhobenen Hauptes verlässt sie die schützende Höhle und trabt den Wölfen entgegen.
Als sie ihre Witterung aufnehmen, läuft sie los, um die Wölfe möglichst weit von ihrem Sohn weg zu locken.
Endlich umkreist sie doch das Rudel und als einer der Wölfe ihr mit gefletschten Zähnen an die Kehle springt, stürzt sie mit einem wehen Laut zu Boden.

Jasper in seiner Höhle hebt den Kopf. Obwohl seine Mutter viel zu weit weg ist, als dass er ihren Todesschrei gehört hätte, weiß er doch ,dass etwas Schreckliches geschehen ist und er nun ganz allein weiter wandern muss.
Er springt auf und verlässt die Höhle.
Und während die Tränen in den Schnee fallen wandert er ins Ungewisse.


Morgen geht es weiter 








Montag, 13. Dezember 2021

Der Nussknacker


Als ich heute Morgen erwachte, dachte ich, wie gut ich es doch habe. Lebe in einer schönen warmen Wohnung, werde gut versorgt und kenne viele nette und liebe Menschen. Und auch wenn meine Tochter
weiter weg wohnt, so ist sie doch immer für mich da.
Doch nicht alle Menschen in meinem Alter haben diese Glück.

Viel Spaß beim Lesen!






Der Nussknacker

Ein riesiger Lastwagen donnert die Straße herunter und fährt in die Auffahrt eines alten Anwesens.
Zwei Männer springen aus dem Wagen und bald stehen zwei große Container auf dem Rasen.
Ein junger Mann lehnt lässig am Treppengeländer und beobachtet alles ganz genau.
Hinter ihm öffnet sich die Tür und eine alte Dame tritt heraus.
Kurz streift ihr Blick die Container, dann presst sie
die Lippen zusammen und sich am Geländer festhaltend geht sie die Stufen hinunter.
Der junge Mann hatte ihren Koffer genommen und war mit schnellen Schritten zu seinem Auto geeilt.
Unten angekommen dreht sich die alte Dame noch einmal um und betrachtet mit wehmütigen Blicken das alte Haus.
Tränen steigen in ihre Augen.
Über den Hof kommt ein alter Mann.
Es ist ihr Nachbar August Weinberger.
Er und Sieglinde Neumann kennen sich seit Kindesbeinen.
„Hallo Linde, nun geht es also los?“ lächelt er etwas verlegen.
Die alte Frau nickt traurig.
„Ach Gustl, ich habe solche Angst, ich kenne doch niemanden im Altersheim.“
„Ach Lindchen, es ist ein schönes Heim und du wirst bestimmt bald Anschluss finden und ich werde dich so oft es geht besuchen.“
Das Gesicht von Sieglinde hellt sich auf.
„Das wäre schön, Gustl.“
„Oma, nun komm schon, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit!“ ruft der Enkel ungeduldig.
Sieglinde hebt den Kopf, strafft die Schulter und geht hinüber zu ihrem Enkel Hans.
Lange noch sieht der alte Mann dem Auto hinterher, dann geht er über die Straße und betritt das schmucke Einfamilienhaus, das sein Sohn gebaut hat und in dem es auch ein kleine Wohnung für ihn gab.
Seine Schwiegertochter Rosemarie steht in der Küche und schneidet Gemüse.
Einen Moment sieht der alte Mann ihr versonnen zu, dann tritt er auf sie zu, umarmt sie und gibt ihr einen Kuss.
„Nanu, wofür war das denn?“ lacht die junge Frau.
„Ich bin so froh, dass mein Sohn dich geheiratet hat und ihr mich nicht in ein Altersheim abschiebt.“
Seine Schwiegertochter lächelt.

Es ist dunkel und nur der Mond wirft sein fahles Licht durch die Luke in den alten Speicher, in dem es recht lebendig ist.
Mäuse huschen über den Boden und eine dicke fette schwarze Spinne krabbelt eifrig über die Wand, um ein weiteres ihrer kunstvollen Netze zu spinnen, mit dem schon fast der ganze Speicher bedeckt ist.
Nun hat sie den Boden erreicht und krabbelt vorsichtig auf eine Kiste mit Weihnachtsdekorationen zu.
Fast hat sie den Rand der Holzkiste erreicht, da taucht der Kopf eines Nussknackers auf.
Zornig fletscht er seine kräftigen Zähne.
„Wage es nicht, alte Vettel, mich mit deinen klebrigen Fäden zu bedecken!“
Die Spinne wendet sich um und krabbelt eilig davon.
Der Nussknacker aber stützt sich mit dem einem ihm noch verbliebenen Arm ab, um sich aufrecht hinzusetzen.
Traurig betrachtet er seine zerschmetterten Beine und eine Träne läuft aus seinen Augenwinkel.
Es raschelt und Madam Maus mit ihren fünf Kindern
trippelt über den Boden.
„Guten Abend, Herr Nussknacker, wir möchten uns verabschieden.“
Der Nussknacker nickt traurig.
Madam Maus hatte ihm vor einigen Tagen erzählt, dass seine Sieglinde von ihren Kindern ins Altersheim abgeschoben wurde, weil der Enkel Hans
das alte Haus abreißen und ein neues bauen will.
„Herr Nussknacker?“ reißt ihn die Stimme von Madam Maus aus seinen Gedanken.
„Wären sie so liebenswürdig und würden uns zum Abschied noch eine ihrer wundervollen Geschichten erzählen?“
Dieser nickt, setzt sich etwas bequemer hin und erzählt der Maus und ihren verzückt lauschenden Kindern wie er zum ersten Mal in dieses Haus gekommen war.
Der Vater der damals fünfjährigen Sieglinde hatte ihn ihr geschenkt. Es war sein letztes Geschenk, denn wenige Monate später ist er im Krieg gefallen.
Seitdem war er für die kleine Sieglinde etwas ganz besonders. Das ganze Jahr über durfte er in ihrem
Zimmer auf dem Regal stehen.
Und wenn der alte große Baum hinter dem Haus verschwenderisch seine Walnüsse spendete, dann kam er in die gute Stube stand dann neben einer großen Schüssel mit Nüssen und konnte fröhlich für die Bewohner diese knacken.
Doch dann eines Tages, der Krieg war schon eine Zeitlang vorbei, da wurde in die Stube ein großer bis zur Decke reichender Tannenbaum gebracht und mit allerlei bunten Kugeln, Sternen und Engelhaar geschmückt.
Echte Wachskerzen wurden aufgesteckt und ihr Licht strahlte mit Sieglindes Augen um die Wette, als sie das Zimmer betreten durfte.
Seitdem hatte er noch viele viele Weihnachten in diesem Haus erleben dürfen, bis zu dem verhängnisvollen Tag, an dem der Enkel Hans ihn in einem Wutanfall quer durch das Zimmer an die Wand geworfen hatte.
An dieser Stelle schluchzten die Mäusekinder laut auf.
Seitdem verbrachte er seine Tage vergessen hier oben auf dem Speicher.
Madam Maus aber sieht hinauf zu Luke.
„Es beginnt hell zu werden, wir müssen los.“
„Haben sie denn schon eine Bleibe?“
„Ja, wir ziehen aufs Land zu meinem Vetter.“
„Dann passen sie gut auf, wenn sie die Stadt verlassen, es streifen viele Katzen durch die Gegend.“
„Keine Bange, wir nehmen den Weg durch die Abwasserkanäle.“
Nun bekommt der Nussknacker noch von jedem Mäuschen einen Kuss und mit einem mehrstimmigen
„Auf Wiedersehen!“ verschwinden sie in einem Loch in der Mauer.
Wieder allein sinniert der Nussknacker traurig.
Was wohl aus ihm werden wird?

Kaum geht die Sonne auf, fährt ein Wagen in die Einfahrt und mehrere Männer die auf der Ladefläche sitzen springen herab und verschwinden lachend und schwatzend im Haus.
Bald füllt sich ein Container nach dem anderen.
Gustl steht am Fenster seines Zimmers und guckt traurig zu, wie ein Stück nach dem anderen lieblos weg geworfen wird.
Plötzlich sieht er etwas oranges aufblitzen. Ist das nicht der Nussknacker, den Sieglinde von ihrem Vater bekommen hatte und an dem sie so hing.
Mit schnellen Schritten eilt er hinüber und zu dem Container.
Ein Mann brüllt ihn an:
„Hey, Alter verschwinde hier gibt es nichts zu gaffen!“
Eben kommt ein baumlanger kräftiger junger Mann mit dem alten Schaukelstuhl aus dem Haus.
„Halt den Schnabel, Max und kümmere dich um deine Arbeit.“
Er legt den Schaukelstuhl in dem Container ab, dann kommt er herüber zu Gustl.
Mit einem verlegenen Lächeln meint er:
„Entschuldigen sie Herr Rektor, meine Leute sind manchmal es ungehobelt.“
Über das Gesicht des Lehrers gleitet ein feines Lächeln.
„Bist du nicht der Toni Ungemach, der immer so viel Probleme in der Mathematik hatte?“
„Ja und auch ihre Nachhilfe hat nicht viel gebracht, aber die selbst gebackenen Kekse ihrer Frau waren prima.“
„Ach und du räumst jetzt Häuser aus?“
„Ja unter anderem, ich habe doch die Spedition meines Vaters geerbt, keine Angst meine Frau macht die Buchführung!“
Beide lachen vergnügt.
Dann räuspert sich Gustl und fragt bittend.
„Meinst du, dass ich mir den alten Nussknacker da nehmen darf, die Frau Neumann hing doch so an ihm. Vielleicht kann ich ihn reparieren und ihr ins Altersheim bringen.“
„Ja, nehmen sie nur, Herr Rektor. Es ist eine Schande wie der Enkel mit der alten Frau umgeht, sagen sie ihr einen schönen Gruß von mir, wenn sie sie besuchen.“
Mit dem Nussknacker in der Hand verschwindet Gustl in dem Gartenhaus, in dem ihm sein Sohn eine kleine Werkstatt eingerichtet hat.
Und nun wird geschnitzt, gehobelt, geschliffen und gemalt und dann steht der Nussknacker in voller Pracht mit zwei Beinen und Armen auf dem Regal zum Trocknen.
Mit einem versonnen Lächeln betrachtet der alte Mann sein Werk.
Wie würde sich Sieglinde freuen.
In zwei Monaten war doch Weihnachten. Ja er würde ihn ihr zu Weihnachten schenken.
Vergnügt pfeifend verlässt er die Werkstatt.
Die nächsten Wochen besucht er seine Freundin nun so oft er kann im Seniorenheim.
Sieglinde kann sich nur langsam dort eingewöhnen und von ihrer Familie lässt sich keiner blicken.
So freut sie sich immer ganz besonders wenn Gustl vorbei kommt.
Manchmal holt sie auch sein Sohn Martin sonntags zu Kaffee und Kuchen nach Hause.
Und dann kommt der Hl. Abend.
Bereits am Vormittag wird Sieglinde geholt und während sie und Gustl die Kinder beschäftigen, schmücken die Eltern die Weihnachtsstube.
Nach einem leckeren Festmahl wird diese dann geöffnet.
Mit leuchtenden Augen blickt Sieglinde auf den strahlenden Weihnachtsbaum.
Dann werden die Geschenke verteilt.
Rosemarie reicht ihr ein Päckchen , in dem warme Handschuhe und ein schöner Schal sind und Sieglinde bedankt sich mit leuchtenden Augen.
Nun aber kommt Gustl verschmitzt lächelnd auf sie zu, in den Händen einen länglichen Geschenkkarton.
Vorsichtig hebt sie den Deckel und jubelt.
„Das ist ja mein Nussknacker!“
Behutsam hebt sie ihn aus der Schachtel und betrachtet ihn staunend von allen Seiten.
Dann blickt sie in die strahlenden Gesichter ringsum und haucht mit Tränen in den Augen:
„Danke!“
Später im Heim bekommt der Nussknacker seinen Platz auf ihrem Nachtschränkchen und wie in Kindertagen vertraut sie ihm ihre Nöte und Sorgen an und wie bereits damals hört er ruhig und verständnisvoll zu.
Als Sieglinde nach einigen Jahren starb, wurde der Nussknacker mit ins Grab gelegt und sie nahm in mit hinauf in den Himmel.

© Lore Platz