Freitag, 22. November 2019

Jasper das besondere Rentier Ende






Auch am Nordpol wird eifrig gearbeitet, denn bis Weihnachten sind es nur noch wenige Tage.
Jasper lebt nun schon einige Jahre im Land des Weihnachtsmannes und an jedem Weihnachtsabend darf er an der Spitze der Rentiere den Schlitten über den Himmel ziehen und sein fröhlich blitzendes Geweih erhellt den Horizont.
Sein besonderer Freund ist der Stalljunge Bertl, ein Kobold der leider immer nur Unsinn im Kopf hat und den gutmütigen Jasper oft in manche Klemme bringt.
Auch heute hat Jasper wieder einmal Hausarrest von einem wütenden Knurrjan bekommen.
Gelangweilt steht er ganz allein im Stall und bedauert sich selber.
Da öffnet sich knarrend die Tür und das schelmische Gesicht von Bertl lugt herein.
Er schlüpft herein und setzt sich neben Jasper auf einen Heuballen.
Ich habe mich versteckt, so konnte der alte Langweiler mir nicht die Ohren langziehen,“ kichert er.
Vergnügt lässt er seine Beine baumeln und fragt spitzbübisch:
Hättest du keine Lust zu fliegen?“
Jasper strahlt.
Er fliegt so gerne und ist oft traurig, weil er das nur einmal im Jahr darf.
Du weißt, dass wir nur einmal im Jahr am Weihnachtsabend fliegen dürfen und außerdem haben wir keinen Sternenstaub.“
Bertl grinst verschlagen, greift in die Hosentasche und als er seine Hand öffnet, ist sie voll golden glitzerndem Sand.
Sternenstaub,“ flüstert Jasper ehrfürchtig. „Woher hast du ihn?“
Ha, dem alten Knurrjan geklaut!“
Das gibt mächtigen Ärger!“
Na und, das ist der Spaß doch wert!“
Ja, du kannst dich immer verstecken, bis die Luft wieder rein ist, aber ich werde jedesmal eingesperrt.“ brummt Jasper.
Bertl winkt ab.
Bis jetzt habe ich dich doch immer besucht und dir die Langweile vertrieben.“
Ja und versucht mich in die nächste Klemme zu bringen,“ lacht Jasper.
Aber gib doch zu, seit du mich als Freund hast, ist dein Leben immer aufregend. Also wollen wir eine Runde am Himmel drehen?“
Wie immer lässt das Rentier sich überreden und sie schleichen sich zum Tor hinaus.
Bertl wirft den Sternenstaub über Jasper, springt auf seinen Rücken und sie steigen jubelnd in die Höhe.
Voller Übermut jagen sie über das Firmament und entfernen sich immer weiter von ihrer Heimat.
Jasper schlägt tollkühne Kapriolen und Bertl hält sich kreischend fest.
Tollkühn galoppiert das Rentier über die Wolken, doch dann schreit der Kobold entsetzt auf.
Vor ihnen taucht eine dicke schwarze Wolke auf und Jasper kann nicht mehr bremsen und sie krachen mitten hinein.




Durch das Loch, das sie aufreißen fallen dicke schwere Graupeln auf sie nieder.
Jasper keucht erschrocken auf, als eine der Graupeln seine Nase trifft und auch Bertl duckt sich schützend.
So schnell wie möglich versucht das Rentier der Wolke zu entkommen.
Endlich ist es geschafft.
He, würdest du bitte meinen Hals los lassen!“ keucht Jasper, denn Bertl hatte sich in seiner Angst fest an ihn geklammert und lockert jetzt seinen Griff.
Jasper fängt zu trudeln an, dann stöhnt er.
Oh,oh, wir sinken!“
Die Ritt durch die nasse Wolke hatte fast allen Sternenstaub abgewaschen und immer schneller verlieren sie an Höhe.
Vorsicht, wir stürzen!“ ruft Jasper, dann landen sie schon im weichen Schnee.
Einen Moment ist es ganz still, dann rappelt sich Jasper mühsam hoch und sieht sich um.



Ein weites Schneefeld breitet sich vor ihnen aus, das auf der einen Seite in den Wald führt und gegenüber steht ein schmuckes Haus,
dessen Tür sich jetzt öffnet und zwei Hunde kommen laut bellend
heraus geschossen.
Nichts wie weg!“ Plötzlich taucht Bertl neben Jasper auf, schwingt sich auf seinen Rücken und sie sausen los, wobei das Geweih des Rentiers leuchtet und blinkt.
Die Hunde sind ihnen dicht auf den Fersen, doch da ertönt ein Pfiff und sie bleiben abrupt stehen.und sehen bedauern, wie ihre Beute im Wald verschwindet.
Enttäuscht laufen sie zurück.
Förster Braun bückt sich und streichelt die Hunde, die sich hechelnd und schwanzwedelnd an ihn drücken.
Er geht in die Küche, die beiden Jagdhunde auf den Fersen.
Oma Braun rührt gerade einen Teig für Plätzchen an.
Ihr Mann steckt den Finger in die Schüssel, bekommt einen Klaps auf die Hand, grinst und schleckt genüsslich den süßen Teig ab.
Hm ,lecker!“
Seine Frau blitzt ihn an:
Schlimmer wie ein Kind, wirst noch Bauchweh bekommen.“
Er lacht vergnügt und gibt ihr schnell einen Kuss.
Dann wird er nachdenklich.
Weißt du, was ich eben gesehen habe. Ein Rentier, hier bei uns und es hatte eine riesige Warnblinkanlage auf dem Kopf“
Trudchen reibt eine Zitronenschale in den Teig und meint achselzuckend:
Im Zauberwald sind so viele seltsame Geschöpfe, warum sollte da nicht auch ein Rentier sein? Aber nun verschwindet aus der Küche, ich habe zu tun.“
Vergnügt pfeifend geht Förster Braun begleitet von den Hunden ins Wohnzimmer und ist bald in seine Zeitung vertieft.
Flick und Flack aber machen es sich vor dem Kamin bequem.




Jasper aber rennt mit Bertl auf dem Rücken durch den Zauberwald, der wie ausgestorben wirkt.
Dass sie von vielen Augen beobachtet werden, merken sie nicht.
Trübe Gedanken gehen Jasper durch den Kopf und auf einmal fallen dicke Tränen in den Schnee.
Bertl springt von seinem Rücken.
Warum weinst du?“
Wir werden ohne Sternenstaub nie mehr zurück kommen und was
wird am Weihnachtsabend ? Wer soll die Rentiere anführen?“
Tja, diesmal haben wir uns in ein ziemlich große Klemme gebracht,“ seufzt der Kobold.
Wir ? Du meinst wohl dich! Wer hat denn Knurrjan den Sternenstaub gestohlen und wollte unbedingt mit mir fliegen!“ schimpft Jasper.
Ach und du wolltest nicht fliegen, ich habe dich nicht gezwungen mitzumachen!“ faucht der Kobold, doch dann lacht er.
Es wird doch nicht besser, wenn wir uns streiten und uns gegenseitig die Schuld zu weisen.“
Auch Jasper lächelt . „Da hast du recht, aber wie geht es jetzt weiter?“
Bertl runzelt die Stirn.
Zuerst einmal brauchen wir eine Unterkunft und etwas zu Essen. Am besten wir trennen uns.“
Ja, aber wie finden wir uns wieder?“
Das ist doch kein Problem!“ lacht der Kobold, „lass nur dein Geweih schön blinken und ich werde dich finden.“
Sie trennen sich und jeder geht in eine andere Richtung.
Jasper läuft durch den stillen Wald und hält Ausschau nach einer Höhle.
Da hört er fröhliches Lachen und Gekreische und bemerkt einige winzige Kinder, die sich im Schnee kugeln, mit Schneebällen bewerfen und voller Freude herum tollen.
Jasper liebt Kinder und trabt näher und sein Geweih blitzt vor Vergnügen.
Doch als die Kinder das riesige Tier mit dem blinkenden Kopfschmuck erblicken, schreien sie vor Entsetzen auf und verschwinden unter den Wurzeln eines großen Baumes.
Neugierig steckt Jasper seinen Kopf in das Loch, in dem die Kinder verschwunden sind und erblickt eine kleine Stube.
Als die kleinen Winzlinge ihn sehen, schreien sie laut auf und verstecken sich unterm Bett, hinterm Schrank und einige kriechen unter den Tisch.



Die kleine stämmige Wichtelfrau aber nimmt einen Besen und haut damit kräftig auf die Nase des Rentiers.
Verschwinde du Ungeheuer, meine Kinder bekommst du nicht!“
Der Besen kitzelt Jasper an der Nase und er muss niesen.
Die Wichtelmutter wird in die hinterste Ecke des Zimmers geschleudert.
Mühsam rappelt sie sich hoch , packt ihren Besen, rennt nach vorne, und lässt ihn immer wieder kräftig auf die Nase des armen Jaspers sausen.
Dieser zieht den Kopf zurück und schüttelt sich.
Ein unfreundliches Völkchen wohnte hier im Wald.
Lautes Atmen und knirschende Schritte sind zu hören und Jasper sieht sich unwillkürlich nach einem Versteck um.
Erleichtert atmet er auf, als Bertl zwischen den Bäumen auftaucht.
Der muss erst einmal verschnaufen, so weit war er mit seinen kurzen Beinen gerannt, aber mit strahlenden Augen berichtet er seinem Freund.
Am Waldrand steht eine Hütte, dort wohnt nur ein alter Mann, aber hinter der Hütte ist ein leerer Stall, dort können wir bleiben. Komm mit!“
Der Kobold springt auf den Rücken seines Freundes und weist ihm den Weg.
Im Stall ist es mollig warm und er sieht aus, als wäre er schon lange nicht mehr benutzt worden.
Jasper sinkt ins Stroh.
Der Tag war lange und aufregend gewesen und er merkt jetzt, wie müde er ist.
Bertl öffnet die Stalltür.
Ich werde uns etwas zu essen besorgen!“
Vorsichtig schleicht der Kobold um das Haus und blickt durch das Fenster in die beleuchtete Stube.
Der alte Mann sitzt am Kamin und ist in ein Buch vertieft.
Geduckt schleicht Bertl weiter und betritt durch die unverschlossene Hintertür die Küche.
Angenehm durftet es hier.
Auf dem Ofen steht ein noch warmer Topf mit Gemüse und der Kobold steckt sich schnell einige Stücke in den Mund, dann wischt er achtlos seine Hand an der Hose ab.
Er zieht ein nicht mehr ganz sauberes Taschentuch hervor und häuft von dem Teller, der auf dem Tisch steht einige Lebkuchen
und Plätzchen darauf und verknotet es.
Aus dem Korb mit Äpfeln stibitzt er zwei und verlässt dann leise die Küche.
Die beiden Freund schmausen vergnügt und schlafen dann eng aneinander gekuschelt tief und fest.
Und so bemerken sie auch nicht, wie spät in der Nacht noch ein geheimnisvoller Gast kommt.
St. Nikolaus sitzt gemütlich vor seinem Kamin.
Nachdem die Zwerge nach Hause gegangen sind, hat er von dem Gemüseeintopf, den die Zwergenfrauen für ihn gekocht haben, gegessen.
Nun sitzt er in seinem gemütlichen Sessel mit einer Tasse heißen Tee und einem Teller mit Plätzchen und liest.
Nach einer Weile lässt er das Buch sinken und beobachtet die dichten Schneeflocken die langsam und gleichmäßig vor seinem Fenster im Mondschein vom Himmel fallen.
St. Nikolaus genießt die Ruhe!
Ein lautes Klopfen, die Tür wird aufgerissen und eine vermummte Gestalt begleitet von einem Schwung Schneeflocken stürmt herein, klopft sich polternd die Schuhe und wirft die Tür hinter sich zu.
Die kräftige Gestalt schüttelt sich prustend, schält sich aus der Vermummung, stürzt ins Zimmer, reißt den hl. Mann vom Sessel hoch und zerquetscht ihn fast in einer kräftigen Umarmung.
St. Nikolaus schnappt überrascht nach Luft und sieht sich seinen Besucher genauer an.
Dann lächelt er, der Weihnachtsmann!
Dieser hat sich in den Sessel gegenüber geworfen, die Beine weit von sich gestreckt , die Hände über dem beachtlichen Bauch gefaltet und sieht sein Gegenüber grinsend an.
Lange nicht gesehen, alter Knabe, du guckst ein wenig verdattert?“
Nikolaus schmunzelt.
Ist es ein Wunder? Du stürmst herein wie ein Tornado!“
Hohohohohohooooooooo“ tönt es durch die Stube und der heilige Mann zuckt zusammen.
Ein bisschen ungehobelt war er ja schon, der Kollege vom Nordpol, aber ein herzensguter Kerl, der auch wie er den Kindern an Weihnachten Freude bringen will.
Der Weihnachtsmann wird wieder ernst.
Eines meiner Rentiere ist mir abhanden gekommen und wir konnten seine Spur bis hierher verfolgen. Dir ist nichts ungewöhnliches aufgefallen?“
Ein feines Lächeln zieht über das Gelehrtengesicht des Bischofs.
Im Zauberwald ist nichts gewöhnlich.“
Der Weihnachtsmann grinst, wird aber gleich wieder ernst.
Mach mir ein wenig Sorgen um den Kleinen. Habe Jasper sehr ins Herz geschlossen, seit er damals zu uns kam. Aber seit er mit diesem Bertl zusammen ist, steckt er ständig in irgendeiner Klemme.“
Nikolaus sieht hinaus in das Dunkel der Nacht.
Heute wirst du ihn nicht mehr finden, du kannst gerne in meinem Gästezimmer übernachten.
Danke alter Freund, draußen wartet mein Rentier Danza, hast eine Unterkunft für ihn?“
Ja, hinter dem Haus steht ein leerer Stall, dort kannst du dein Rentier unterbringen.“
Der Weihnachtsmann geht hinaus, nimmt Danza am Zügel und führt ihn um das Haus herum zum Stall.
Als er die Tür öffnet fällt das Mondlicht direkt auf die beiden Schlafenden.
Der Weihnachtsmann dreht sich zu Danza und legt den Finger auf den Mund.
Pass auf, dass sie nicht davon laufen.“
Dann eilt er zum Haus, klopft an die Fensterscheibe und winkt Nikolaus nach draußen.
Wenig später stehen sie vor den schlafenden Übeltätern.
Der Weihnachtsmann räuspert sich laut und erschrocken zucken die Schlafenden zusammen und öffnen die Augen.
Als sie sehen wer vor ihnen steht, springen sie entsetzt auf.
Bertl wird abwechselnd rot und blass und das Geweih von Jasper blinkt aufgeregt.
Der Weihnachtsmann legt seine Stirn in grimmige Falten und donnert:
Diesmal habt ihr es ja wohl gewaltig übertrieben. Das gibt mächtigen Ärger, Knurrjan ist schon dabei sich für euch Strafen auszudenken.“
Die beiden Lausbuben senken beschämt den Kopf.
Doch dann sehen sie das vergnügte Funkeln in den Augen des Weihnachtsmannes und amten erleichtert auf, so schlimm würde es schon nicht werden.
Dieser wendet sich an St. Nikolaus und reicht ihm die Hand.
Nun mein Freund, da ich die beiden Strolche früher gefunden als erwartet, ist es wohl besser gleich nach Hause zu fliegen. Wer weiß, was den für Unsinn noch einfällt. Leb wohl!“
Er setzt sich auf Danza und Bertl klettert auf Jaspers Rücken, dann streut der Weihnachtsmann Sternenstaub und sie fliegen dem Himmel entgegen.
St. Nikolaus sieht ihnen nach, bis sie in den Wolken verschwunden sind.
Dann kehrt er zurück ins Haus und bald verlischt das Licht und Ruhe kehrt ein.



Peter und Vanessa sind sehr enttäuscht, als sie am Wochenende zu Lilofee kommen und erfahren , dass der Weihnachtsmann im Zauberwald war.
Doch ihre Tante geht mit ihnen zu den Wichteln und dort erzählt ihnen die Wichtelmama von ihrem Kampf mit dem Ungeheuer.
Dann verbringen sie einen gemütlichen Nachmittage bei St. Nikolaus und lassen sich ganz genau vom Besuch des Weihnachtsmannes erzählen.

Am Heiligen Abend nach dem Besuch der Christmette und nach dem Oma und Opa schlafen gegangen sind, gehen die Kinder mit den Eltern in den Zauberwald.
Auf einer Lichtung steht ein riesengroßer leuchtender geschmückter Weihnachtsbaum und alle großen und kleinen Zauberwesen sind darum versammelt.
St. Nikolaus steht neben Lilofee und liest aus der Weihnachtsgeschichte vor, dann singen sie noch fröhliche Weihnachtslieder.
Plötzlich ertönt ein Bimmeln und am Himmel erscheint ein Schlitten von Rentieren gezogen, die von eine leuchtendem Jasper angeführt werden.

Ganz tief fährt er über ihre Köpfe und der Weihnachtsmann winkt
mit einem lauten „Hohohohoooo!“ neben ihm erscheint das frech grinsende Gesicht vom Kobold Bertl und auch er winkt mit beiden Händen.
Dann verschwindet der Schlitten in der Ferne.

Vergnügt marschieren die Kinder mit ihren Eltern wenig später durch den knirschenden Schnee zurück ins Forsthaus.

Das war das schönste Weihnachten, das sie bisher erlebt hatten.



© Lore Platz