Der mit der gestreiften Mütze ist Werner und die mit den Hörner auf der Mütze bin ich. Meine jüngste Schwester fehlt, die war noch ein Baby und der Junge im Hintergrund ist ein Freund der drei Brüder |
Heute ist Allerheiligen und in einigen Bundesländern war der Grab –
Umgang.
Die
Angehörigen der Verstorbenen stehen an ihren Gräbern und warten auf
den Pfarrer, der begleitet von zwei Ministranten, die die
Weihrauchkessel schwingen, betend durch den Friedhof geht.
Ich
habe diesen Tag immer gehasst.
Man
stand im kalten Nieselregen, die Kälte kroch die Beine hoch und man
konnte sich nur noch darauf konzentrieren, dass man fror und hoffte,
dass die Zeremonie bald vorüber ist.
Alle
Feiertage, die sich auf unsere Verstorbenen beziehen sind ja im
November.
Nun
gerade dieser Monat ist am besten geeignet, die kurzen meist dunklen
Tage und die Nebelschleier die sich über das Land breiten erinnern
ein wenig an das Jenseits.
Deshalb
will ich diesen Monat nutzen und an die vielen Menschen erinnern, die
mir in den Himmel voraus gegangen sind.
Gevatter
Tod trat schon sehr früh in mein Leben.
Meine
Eltern waren mit einem Lehrerehepaar befreundet, die drei Jungen in
unserem Alter hatten.
Ich
war die mittlere und Werner war ebenfalls das mittlere Kind und
seltsamerweise waren wir beide die ruhigsten und große Leseratten.
Während
die andern vier im Garten tobten, saßen wir friedlich unter einem
Baum, die Nase in einem Buch und hörten und sahen nichts, wir waren
weit weg in einer anderen Welt.
Wenn
Werners Vater Kollegen in irgendeinem kleinen Dorf besuchte, dann
durfte ich mit kommen.
Und
während die Großen quatschten, liefen Werner und ich hinüber in
die kleine Dorfschule und mit sicherem Instinkt fanden wir die kleine
Bücherei und saßen wenig später auf dem staubigen Boden.
Und
die Zeit schien still zu stehen, wenn wir in den Schätzen wühlten.
Werner
war gerade mal zwölf Jahre, als er eines nachts aufwachte und über
entsetzliche Kopfschmerzen klagte.
Wenige
Stunden später war er tot, Hirnblutung.
Danach
wurde dann alles anders, die Fröhlichkeit war dahin und die Familie
ist weg gezogen und wir verloren sie aus den Augen.
Als
ich 16 Jahre alt war, starb ein Schulkamerad und meine erste große
Liebe, durch einen Badeunfall.
Ja
Gevatter Tod kam oft in mein Leben.
Mittlerweile
ist er zwar kein gern gesehener aber doch ein geduldeter Gast.
Vielleicht
komme ich deshalb auch so gut mit der Trauer um meinen Mann zurecht,
weil ich weiß dass das Leben vergänglich und man den Tod
akzeptieren muss.
Ich
will euch nicht traurig machen mit meinen Geschichten, denn in der
Erinnerung leben ja alle diese Menschen weiter und sie gehören eben
auch zu meinem Leben.
Sie
standen mir zur Seite, haben mich geprägt, deshalb werde ich sie
auch nicht vergessen.
(c) Lore Platz 1. November 2013