Montag, 30. Januar 2023

Tumult im Märchenwald


 
(c) Nadine F.


Ende 1814 erschien der zweite Band der Kinder und Hausmärchen der Brüder Grimm.
In der zweiten Auflage von 1819 befanden sich bereits zwei Zeichnungen, die der Jüngste der Grimm Brüder, Ludwig Emil gefertigt hatte.
Es handelt sich dabei um ein Fantasie Bild zu dem Märchen „Brüderlein und Schwesterchen“, sowie ein Porträt einer Frau, die als Märchenfrau bezeichnet wurde.
Dabei handelte es sich um Dorothea Viehmann, die einzige Quelle der Märchen, die namentlich genannt wurde und der Wilhelm Grimm im zweiten Band in der Vorrede ein Denkmal setzte.
Die Gastwirtstochter hatte schon als Kind den Geschichten der Soldaten und Fuhrleuten gelauscht und sie im Gedächtnis behalten.
Natürlich sind die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm nicht durch die Gegend gewandert und haben Märchen und Sagen gesammelt, wie es oft romantisch dargestellt wurde.
Die meisten Geschichten wurden ihnen in ihrer Wohnung in Kassel erzählt.
Wilhelm Grimm hat dann die oft zerrütteten und schlecht erzählten Märchen restauriert und in einem wunderschönen Stil geschrieben ohne den Originalton zu verändern.
So schuf er ungewollt seinen eigenen Buchmärchenstil.
Wichtige Quellen für die Märchen waren die Pfarrerstochter Friederike Mannel, die befreundete Nachbarsfamilie des Apothekers Wild, dessen Tochter Dorothea, Wilhelm Grimm später heiratete.

Die Familie Haxthausen und Droste-Hülshoff lieferten den Brüdern westfälische Märchen.
Ebenso besaßen die Schwestern Hassenpflug ein reiches Wissen an Märchen von ihrer französischen Großmutter und besonders Marie Hassenpflug konnte ein Vielzahl an Märchen beisteuern.
Zu einem folgenschweren Irrtum, der fast 100 Jahr bestehen sollte, kam es , als Hermann, der Sohn Wilhelms die Aufzeichnungen seines Vaters sichtete.
Wilhelm hatte meist die Vornamen der Erzähler unter die Aufzeichnungen gesetzt.
Und Hermann hielt „Marie“ für eine alte hessische Kinderfrau, während es sich tatsächlich um Marie Hassenpflug handelte.
Warum kamen die Brüder Grimm eigentlich auf die Idee Märchen und Sagen zu sammeln?
Als Brentano und Arnim alte deutsche Lieder für
Des Knaben Wunderhorn“ zusammen trugen, baten sie die Brüder Jakob und Wilhelm um Mithilfe.
Es war hauptsächlich Wilhelm, der keine Anstellung damals hatte, der die Bibliotheken nach Mythen, Sagen und Volksliedern durchforschte.
Später begann dann Clemens Brentano ein neues Projekt und bat wieder die Brüder um Hilfe.
Sie sollten nun Märchen und Sagen für ihn sammeln.
Doch Brentano fand die Texte langweilig und wollte nicht mehr weiter machen.
Glücklicherweise hatten die Brüder für sich selbst eine Abschrift gemacht und Achim von Arnim drängte sie schließlich 1812 die Märchen doch zu veröffentlichen und machte sie mit einem Berliner Verleger bekannt.

Deshalb erschien auch die Widmung:
Für Frau Elisabeth von Arnim für den kleinen Johann Freimund“ in der Erstausgabe.

Warum ich euch wieder ein wenig von der Brüdern Grimm erzähle, das hat seinen Grund.
Als ich vor einigen Monaten über ein neues Märchen nachdachte, kam mir so der Gedanke was eigentlich mit den Figuren der Brüder Grimm nach ihren erlebten Abenteuern geschehen sein könnte.
Und so entstand die Geschichte:
Tumult im Märchenwald“, in der ich die Figuren der Brüder Grimm mit meinen eigenen erfundenen Gestalten vermischte.
Vielleicht gefällt euch ja die Geschichte.
Nun macht es euch bequem und hört gut zu.


 
(c) Irmgard Brüggemann

 

Tumult im Märchenwald
 
Frau Sonne hat die letzten Schleier der Nacht vertrieben und wandert nun über das Land.
Lächelnd bleibt sie beim Märchenwald stehen und beobachtet das fröhliche Treiben.
Lachen und Glück ist hier eingekehrt, nachdem der mächtige Feenkönig alle bösen Wesen aus dem Märchenwald auf den nahegelegenen Berg verbannt hat und mit einem Zauber gefangen hält.
Frau Sonne sieht den Vater von Hänsel und Gretel, der sich gerade von seiner Frau mit einem Kuss verabschiedet.
Auch die Kinder drücken ihre Mutter, haben sie ihr doch längst ihre Verzweiflungstat verziehen.
Vergnügt pfeifend mit geschulterter Axt marschiert der Vater dem Wald zu und Hänsel und Gretel folgen übermütig kichernd.
In den Händen haben sie Körbchen, denn sie wollen Beeren sammeln.
Bevor sie im Gehölz verschwinden wenden sie sich noch einmal um und winken der Mutter zu.
Frau Sonne schmunzelt, dann gleitet ihr Blick hinüber zu den vielen Burgen und Schlössern in denen die Könige mit ihren Prinzessinnen leben.

 
(c) Irmgard Brüggemann

Der Froschkönig mit seiner Gemahlin, die ihn einst erlöst hat,
Schneewittchen mit ihrem Prinz,
König Drosselbart und seine inzwischen so liebenswerte und gar nicht mehr verwöhnte Gattin,
Aschenputtel, die gar nicht mehr schmutzig herum laufen muss und mit ihrem Prinzen sehr glücklich geworden ist,
Rapunzel, deren schönes langes Haar im ganzen Reich berühmt ist, mit ihrem Königssohn,
wohnen hier.
Ebenso ist Dornröschen mit ihrem Prinzen, der sie nach hundert Jahren Schlaf geweckt hat, sehr glücklich in ihrem erlösten Schloss.
Die ehemalige Müllerstochter und ihr Prinz freuen sich, wie prächtig sich ihr kleiner Sohn entwickelt.
Und auch die Prinzessin, die Hans mit seiner goldenen Gans und den Leuten, die an ihrem Schwanz fest klebten, zum Lachen gebracht hatte, lebt glücklich und zufrieden auf ihrer Burg.
Alle Könige und Prinzen sind miteinander befreundet und besonders die Damen pflegen einen herzlich Umgang miteinander und jeden Tag treffen sie sich in einem anderen Schloss zum Frühstück.
Der heutige Treffpunkt ist das Schloss von „Gans kleb an“
und Frau Sonne sieht wie Schneewittchen, Aschenputtel, Rapunzel und Dornröschen Arm in Arm über die Wiese schlendern.
Die sieben Zwerge verlassen eben ihr Häuschen, warten bis der älteste umständlich die Tür schließt, dann marschieren sie im Gänsemarsch in Richtung Bergwerk.
Als sie fröhlich pfeifend an den Prinzessinnen vorbei kommen und Schneewittchen entdecken winken sie vergnügt.
Der kleinste Zwerg löst sich aus der Reihe, purzelt mit seine kurzen Beinen zu Schneewittchen, die sich bückt und ihm einen Kuss auf die Stirn gibt.
(c) Irmgard Brüggemann

Errötend wendet er sich ab, reiht sich ein, und noch einmal fröhlich winkend, geht es im Gleichschritt weiter.
Die jungen Frauen kichern und warten dann, denn von der anderen Seite kommen die Müllerstochter, die Frau von König Drosselbart und des Froschkönigs Liebste.
Gemeinsam betreten sie den Burghof ihrer Gastgeberin.
Die goldene Gans kommt ihnen laut schnatternd entgegen gewatschelt.
Vorsichtshalber machen die jungen Damen einen großen Bogen um das Federvieh.
Die junge Königin kommt freudestrahlend die Freitreppe herunter und begrüßt ihre Freundinnen.
Frau Sonne freut sich über den schönen Anblick der hübschen Mädchen.
Eine Bewegung erregt ihre Aufmerksamkeit und schmunzelnd beobachtet sie die Heinzelmännchen, die purzelnd und stolpernd über die Wiese laufen.
Sie sind auf dem Weg zur Frau des Schusters die wie jeden Morgen für sie ein Frühstück bereit hält.
Diese steht bereits vor ihrer Tür und hält Ausschau nach den kleinen Strolchen.
Die Frau des Schneiders tritt eben aus dem Nachbarhaus und stellt sich neben sie.
Beide runzeln die Stirn als sie die kleinen Wichtel erblicken.
Hält man denn das für möglich!“ schimpft die Frau des Schusters und ihre Nachbarin schüttelt fassungslos den Kopf.
Gestern haben beide die kleinen Kerlchen gebadet und neu eingekleidet und wie sehen sie nun aus?
(c) Bärbel

Total verschmutzt und Höschen und Hemdchen zerrissen.
Nur die kleinen Zipfelmützchen sind noch ganz .
Die Frau des Schusters stemmt die Arme in die Seiten und blickt die kleinen Schmutzfinke wütend an.
Unbeeindruckt von ihrer finsteren Miene schenken die Heinzelmännchen ihr ein strahlendes Lächeln.
Doch die mütterliche Frau lässt sich von ihren unschuldigen Gesichtern nicht beeinflussen.
Sie deutet auf die Tür.
Marsch ins Badezimmer! So schmutzig setzt ihr euch nicht an den Tisch!“
Leise murrend schleichen die kleinen Dreckspatzen an ihr vorbei, drehen sich an der Tür noch einmal um und schneiden hinter dem Rücken der beiden Frauen lustige Grimassen.
Die Frau des Schusters wendet sich seufzend an ihre Freundin.
Da bekommt dein Mann mal wieder viel zu flicken.“
Die Frau das Schneiders nickt.
Unser Lehrjunge muss nur noch für die Heinzelmännchen arbeiten, sonst könnten wir gar keine andere Kundschaft mehr bedienen. Ich werde mal sehen, ob Ersatzkleidchen fertig sind.“
Kopfschüttelnd geht sie ins Nebenhaus.
Als die Frau des Schusters ihr Häuschen betritt sieht sie sich suchend um.
Wo steckten nur diese Schlingel wieder?
Da hört sie kichern und plätschern aus dem Badezimmer.
Voll böser Vorahnung öffnet sie die Tür und schlägt
entsetzt die Arme über dem Kopf zusammen.
Im Waschzuber stehen die kleinen Kerlchen und bespritzen sich kichernd mit Wasser.
Der ganze Boden steht unter Wasser und Seifenschaumwölkchen schweben durch die Luft.
Die geplagte Frau lässt einen Brüller los und augenblicklich
tritt Stille ein und die Wichtel sehen sie erschrocken an.
Wütend schimpfend hebt sie die nassen Kleider auf und wirft sie in einen Eimer, dann wischt sie den Boden.
Die Männchen beobachten sie ein wenig bange, sie hatten es wohl übertrieben, ob es jetzt keinen süßen Kakao gab?
Noch immer finster blickend packt die Schustersfrau einen Wichtel nach dem anderen, schrubbt ihn tüchtig ab und schickt ihn in die Küche.
Als sie dann die Küche betritt, beginnt sie gleich wieder zu schimpfen.
Die Handtücher liegen alle auf dem Boden und die Heinzelmännchen sausen splitterfasernackt und fröhlich kichernd durch den Raum.
Zum Glück kommt eben die Frau des Schneiders und gemeinsam gelingt es ihnen die kleinen Lausbuben einzufangen.
Als sie endlich gestriegelt und geschniegelt am Tisch sitzen und artig ihren Kakao trinken, sehen sie aus, als könnten sie kein Wässerchen trüben.
Die beiden Frauen aber sitzen erschöpft auf ihren Stühlen, sehen sich an und fangen an zu Lachen.
Die Heinzelmännchen strahlen und lachen mit.
Der Friede ist wieder hergestellt.
(c) Irmgard Brüggemann

Schmunzelnd wandert Frau Sonne weiter.
Ach da hinten war das Haus von Rotkäppchen und ihrer Familie.
Das kleine Mädchen deckt gerade auf der Terrasse den Tisch und ihre Mutter kommt eben mit der dampfenden Kaffeekanne, ihr folgt der Jäger, der inzwischen Rotkäppchens Stiefvater ist.
Frau Sonne sieht der glücklichen kleinen Familie ein wenig beim Frühstücken zu, dann wandert sie weiter.
Sie kommt nun tiefer in den Wald und steht bald über dem Häuschen von Rotkäppchens Großmutter.
Türen und Fenster stehen weit auf und ein leckerer Duft dringt nach draußen.
Man hört eine zittrige Altfrauenstimme ein Liedchen singen.
Bald kommt die Großmutter in den Garten und hält eine Schüssel mit Haferbrei, der noch dampft, in den Händen.
Vorsichtig geht sie den Weg in den Wald zu einer Stelle, an der die sieben Geißlein gerade den Wolf ärgern.

 
(c) C .P.
Eines nach dem anderen nimmt Anlauf und springt mit allen Vieren auf den alten Wolf, der bei jedem Sprung schmerzlich stöhnt, und ziehen ihm die Ohren lang.
Die Großmutter verjagt die Geißlein.
Diese verstecken sich kichernd hinter einem Gebüsch.
Dort wollen sie warten, bis die Großmutter weg ist, um dann den Wolf erneut zu ärgern.
Diese stellt die Schüssel auf den Boden und gierig schlabbert der alte Meister Isegrimm die Schüssel leer.
Laut rülpst er und hinter den Büschen kichern die Geißlein.

Dake, as ar ecker,“ (Danke, das war lecker) nuschelt er denn er hat keinen einzigen Zahn mehr im Maul.
Der Elfenkönig hatte ihn nicht verbannt für seine bösen Taten, sondern sämtliche Zähne entfernt.
Wie er so da steht kann man wirklich Mitleid mit dem Häufchen Elend bekommen.
Misstrauisch schielt er ins Gebüsch und auch die Oma wirft einen strengen Blick hinüber.
Geht nach Hause, eure Mutter wartet sicher schon, für heute ist die Spielstunde vorbei!“ fordert sie die Geißlein auf.
Etwas widerwillig gehorchen die Kleinen.
Der Wolf streckt seinen Rücken.
Die kleinen Hufe der Geißlein können ganz schön weh tun.
Dake, iebe oschutter, enn isch eine ähne osch ätte, ann önnte isch isch fffereidigen und sssie ein enisch schicken.“
(Danke liebe Großmutter, wenn ich meine Zähne noch hätte, dann könnte ich mich verteidigen und sie ein wenig zwicken.)
Papperlapapp , du würdest sie nicht nur zwicken, sondern gleich auffressen.
Ich kann es ihnen nicht verdenken, dass sie wütend auf dich sind und es dir jetzt heimzahlen, da du nur noch ein zahnloser Grummelgreis bist.“
Der Wolf senkt beschämt den Kopf
disch und ass odkäppchen abe isch och auch gefeschen, aaruum bisch du ann nischt öse ausch misch?“
(Dich und das Rotkäppchen habe ich doch auch gefressen,
 warum bist du dann nicht böse auf mich?)
 
Ach weißt du ich bin alt und habe schon viel gesehen und außerdem sollte man die kostbare Zeit nicht mit Hass und Zorn verbringen. Was vorbei ist ist vorbei, du bist jetzt ein lieber Wolf, wenn auch nicht ganz freiwillig.
Außerdem bin ich sehr einsam und da kann ich mich doch ein wenig um so einen zahnlosen alten Wolf kümmern.
Komm, wir wollen ein wenig spazieren gehen.“
Zufrieden trabt der alte graue Wolf neben der Oma durch den Wald.


Morgen geht es weiter



Donnerstag, 26. Januar 2023

Herr Oskar und Fräulein Katrin

Einen  schönen Donnerstag wünsche ich euch und  viel Spaß beim Lesen!

 
(c)  Werner B.


Herr Oskar und Fräulein Katrin


Tuckernd quält sich der alte Pritschenwagen den steilen Berg hinauf.
Er gehört dem Schrotthändler Karl und ist voll beladen mit altem Gerümpel, sogar ein kleines blaues Auto ist dabei.
Ein Reh springt auf die Straße und Karl muss scharf bremsen.
Die Ladeklappe springt auf und das kleine blaue Auto fällt auf die Straße und rollt den steilen Abhang hinunter.
Karl springt aus dem Führerhaus, kratzt sich am Kopf, schließt die Ladeklappe und fährt weiter.
Er hat keine Lust dem ollen Ding nach zu fahren.
Das kleine blaue Auto aber wird immer schneller und schneller und bei einer scharfen Kurve gerät es zu weit nach links und stürzt die Böschung hinunter.
Mit rasender Geschwindigkeit saust es über den felsigen Grasboden und mitten durch einen tiefen Wald, bis ein Gebüsch es bremst.
Erschrocken schnappt es nach Luft, der Aufprall war doch etwas heftig.
Ein zeternde Stimme ist zu hören und eine Häsin hoppelt aus dem Gebüsch.
Kannst du nicht aufpassen, beinahe hättest du mich überfahren!“
Entschuldigen sie bitte, aber die Sache entglitt meiner Kontrolle.“
Schon gut, ich war nur sehr erschrocken, ich heiße übrigens Stupsi und wer sind sie?“
Oh, ich bin ein Auto und manche Menschen nennen mich „Ente“!“
Stupsi lacht, „wie eine Ente sehen sie aber nicht gerade aus.“
Das kleine blaue Auto grinst, dann fällt ihm etwas ein.
Meine erste Besitzerin nannte mich Oskar.“
Nun dann werde ich sie auch Oskar nennen, ein schöner Name.“
Ein Hase und drei Hasenkinder kommt aus dem Gebüsch.
Liebste wo bleibst du denn, die Kinder werden ungeduldig.“
Kommt mal her, das ist Herr Oskar und das sind meine Kinder Herbert, Cornelia und Friedrich und der alte Brummbär da, ist mein Mann Mummelschwanz.“
Guten Tag Herr Oskar!“ rufen die Kleinen im Chor und sausen dann kichernd um das Auto herum.
Stupsi lächelt liebevoll stolz.
Eine Rasselbande! Aber nun müssen wir weiter, heute wollen wir unseren Kindern zeigen, wo die besten Kräuter wachsen. Schließlich muss man sie auf das Leben vorbereiten.“
Familie Hase hoppelt davon.
Oskar aber ist glücklich. Wie freundlich sie doch waren.
In dem Schuppen, in dem er viele Jahr stand war er nur von mürrischen und griesgrämigen alten Gerümpel umgeben.
Und wenn er mal ein Gespräch anfangen wollte, dann reagierten sie gleich gereizt.
Hier aber gefiel es ihm.
Ein stattlicher Hirsch kommt auf ihn zu.
Guten Tag, mein Name ist Armin von Hohenwalde, ich hörte von deiner Ankunft. Möchtest du hier bleiben?“
Oskar muss sich erst räuspern, so ehrfürchtig ist ihm zumute.
Ich bin Oskar und durch Zufall hier gelandet, wenn mich die Menschen hier nicht weg holen, würde ich gerne bleiben.“
Nun es verirren sich selten Menschen hierher, seien sie also herzlich willkommen bei uns Herr Oskar.“
Der Hirsch schreitet davon.


(c)  meine Tochter

 Ein Eichhörnchen springt vom Baum direkt auf die Kühlerhaube.
Ziemlich beeindruckend unser König, nicht wahr?“ kichert es.
Kann man wohl sagen.“
Oskar ist glücklich, denn es gefällt ihm hier immer besser.
Nachdem das Eichhörnchen ihn verlassen hat, döst er ein wenig vor sich hin.
Er lauscht dem Zwitschern der Vögel, aus der Ferne ist der Ruf eines Kuckucks zu hören und die Sonne brennt warm auf seine Karosserie.
Schön ist es hier.
Immer wieder mal kommt ein Tier vorbei und begrüßt ihn und hält ein kleines Schwätzchen.
Die Dämmerung legt ihren Schleier über das Land und der Mond klettert immer höher und wirft sein silbernes Licht über den Wald.
Oskar döst vor sich hin.
Plötzlich weckt ihn ein ängstliches Quieken, etwas klettert durch das Fenster und verschwindet unter dem Sitz.
Eine Eule rauscht vorbei.
Lange Zeit bleibt es still im Auto, dann kommt ein kleines Mäuschen unter dem Sitz hervor und setzt sich auf den Beifahrersitz.
Danke, das war knapp, beinahe hätte Frau Eule mich erwischt.“
Keine Ursache, aber sie sind noch sehr jung, sollten sie um diese Zeit nicht schon zuhause sein?“



Ich habe kein Zuhause,“ seufzt die kleine Maus und ihre Stimme klingt traurig und auch ein wenig verbittert.
Das tut mir leid, auch ich bin heimatlos, übrigens mein Name ist Oskar.“
Guten Tag Herr Oskar, entschuldigen sie meine
Unhöflichkeit. Ich heiße Katrin und komme aus der Stadt.
Nachdem meine Familie einem Giftanschlag zum Opfer fiel bin ich ausgewandert und erst heute hier angekommen und habe noch keine Wohnung gefunden.“
Das tut mir leid, auch ich bin erst heute hier gelandet.“
Eine Weile schweigen sie beide, dann hat Oskar eine Idee.
Wie wäre es, wenn sie bei mir wohnen würden, Platz genug ist hier doch.“
Herr Oskar, das wäre schön!“
Die kleine schwarzen Knopfaugen von Fräulein Katrin leuchten vor Freude und schnell saust sie durch den Wagen, um nach einem passenden Platz zu suchen.
Auf der Rückbank ist ein Riss im Leder und die graue Füllwolle spitzt hervor.
Fräulein Katrin erweitert das Loch bis sie hindurch passt und rollt sich mit einem wohligen Seufzer in dem weichen Bett zusammen.
Hier ist es gemütlich, gute Nacht Herr Oskar.“
Gute Nacht Fräulein Katrin!“
Am nächsten Morgen setzt sich Fräulein Katrin auf den Beifahrersitz und während sie sich putzt, unterhalten sie sich.
Ich werde jetzt etwas zu Essen suchen, kann ich ihnen etwas mitbringen Herr Oskar?“
Dieser lacht. „Nein danke, ich brauche nichts zu essen.“
Die Tage vergehen, tagsüber ist Fräulein Katrin unterwegs und sobald es dunkel wird kommt sie in den Schutz des alten Autos zurück.
Und bis tief in die Nacht erzählen sich die beiden Geschichten aus ihrem Leben.
Eines Tages kommt die Maus von ihrem Spaziergang zurück mit strahlenden Augen und auf den Wangen liegt eine zarte Röte.
Herr Oskar ich habe mich verliebt! Er heißt Maximilian und kommt auch aus der Stadt.“
Hat er auch seine Familie durch einen Giftanschlag verloren?“
Nein seine Familie lebt noch. Er wollte nur die Welt kennen lernen.“
Oh ein Vagabund?,“ meint Oskar etwas besorgt.
Nein, nein keine Sorge, er will sesshaft werden und, und, er hat mir einen Heiratsantrag gemacht! Wir suchen nur noch eine Wohnung.“
Oskar wird traurig, nun würde er seine kleine Freundin verlieren, dann aber hat er eine Idee.
Er könnte doch bei ihnen einziehen, es ist doch genügend Platz vorhanden.“
Das wäre schön, ich habe nicht gewagt zu fragen, danke, ich werde Maximilian holen, damit sie in kennen lernen.“
Der Mäuserich gefällt Oskar sehr gut.
Er hat gute Manieren und man merkt, dass er seine Katrin von Herzen liebt.
Die Wohnung gefällt ihm und er bedankt sich höflich bei Oskar.
Einige Tage später findet die Hochzeit statt.
Viele Waldtiere sind gekommen.
Zum Glück schläft Frau Eule um diese Zeit, denn Maximilians Verwandte sind aus der Stadt zur Hochzeit angereist.
Das glückliche Brautpaar steht auf der Kühlerhaube und Maximilians Onkel Sebastian, der in einer Kirche wohnt, traut sie.
Als Maximilian und Katrin sich nach der Zeremonie küssen ist Oskar ganz gerührt und wenn er gekonnt hätte , dann hätte er geweint.
Bald darauf bekommt Katrin Drillinge und Oskar ist genauso aufgeregt wie der werdende Vater.
Doch besonders glücklich und stolz ist er, als die jungen Eltern ihren Erstgeborenen Oskar nennen.

© Lore Platz




Der magische Stein

So einen Stein bräuchte ich zur Zeit auch.




Der magische Stein

Mucksmäuschenstill ist es im Klassenzimmer, man hört nur das Quietschen der Kreide mit der Herr Hartleitner eine Gleichung an die Tafel schreibt.
Rainer versucht schnell im Kopf die Aufgabe zu lösen, denn wenn der Mathelehrer ihn nach vorn an die Tafel ruft, dann würde wieder voller Aufregung sein Hirn wie leer gefegt sein.
Mit hochrotem Kopf würde er zu stottern anfangen und die anderen würden lachen.
Wie er das hasste.
Dabei war er gut in Mathe, nur wenn er aufgerufen wurde, dann war er so aufgeregt, dass er zu stottern anfing.
Und im Sport war er erst recht eine Niete, ängstlich und feige.
Seine Mitschüler hatten schon einen Spottvers auf ihn gedichtet, den sie nach der Melodie der Vogelhochzeit sangen.

Der Rainer, der Rainer
der hat so Angst wie keiner

Nun schweift der Blick des Lehrers durch die Klasse und Rainer versucht sich ganz klein zu machen.
Zum Glück ruft er Paul auf, den coolsten und beliebtesten
Jungen der Schule, in Sport eine Ass aber in Mathe?
Rainer freut sich ein ganz klein wenig, als Paul plötzlich auch zu stottern beginnt, weil er die Gleichung nicht lösen kann.


Nach der Mathe - Stunde haben sie Sport.
Buben und Mädchen getrennt.
In der Umkleidekabine wird Rainer von Paul verspottet, weil er bestimmt wieder beim Klettern in die Hose machen würde und er schlägt ihm vor, doch bei den Mädchen zu turnen.
Und dann beginnt er noch die Melodie der Vogelhochzeit zu summen und die Jungs singen lautstark.

Der Rainer, der Rainer
der hat so Angst wie keiner


Rainer legt still seine Sachen in den Spind und geht in die Sporthalle, verfolgt von dem lauten Gelächter seiner Mitschüler.
Heute sollen sie am Klettergerüst turnen und Rainer hält sich so lang wie möglich im Hintergrund.
Doch dann kommt auch er dran.
Die ersten Sprossen sind noch leicht, doch je höher er kommt, desto mehr fängt er an zu schwitzen.
Die Jungs feuern ihn an und Rainer macht den Fehler hinunter zu schauen.
Als er sieht wie weit der Boden weg ist, wird ihm schwindelig und in seinen Ohren beginnt es zu rauschen.
Verzweifelt klammert er sich fest.
Er wagt sich nicht mehr vorwärts noch rückwärts zu klettern.
Wie durch einen Nebel hört er die Stimme des Sportlehrers, der plötzlich neben ihm auftaucht.
Keine Angst, ich helfe dir, wir werden zusammen hinunter klettern, du musst loslassen.“
Der Lehrer muss seine Worte einige Male wiederholen bis sie zu Rainer durchdringen.
Auf dem Boden angekommen, befiehlt ihm Herr Berger, sich zu setzen und den Kopf zwischen die Knie zu stecken und tief durchzuatmen.

Die anderen Jungs sind auffallend ruhig und erschrocken beobachten sie ihren Mitschüler, der kreideweiß ist und am ganzen Körper zittert.
Herr Berger schickt sie nach draußen, dann setzt er sich neben Rainer und wartet bis wieder Farbe in dessen Gesicht kommt.
Rainer, du hast Höhenangst, besorge dir ein Attest beim Arzt, dann bist du vom Klettern befreit.“
Der Junge nickt nur.
Geht`s wieder?“
Ja,“ murmelt Rainer und steht auf, er schämt sich so.
Herr Berger legt ihm die Hand auf die Schulter.
Hör mal mein Junge, Höhenangst haben auch Erwachsene und du bist noch ein Kind, deshalb musst du dich nicht schämen.“

Nach der Schule trottet er mit hängenden Kopf nach Hause, er beachtet nicht einmal den Dackel Poldi, der ihm schwanzwedelnd entgegen läuft und zur Begrüßung bellt.
Und obwohl die Oma, die seit dem Tod des Opas bei ihnen wohnt, seine Lieblingsspeise gekocht hat, stochert er nur lustlos in seinem Essen herum.
Die Schule hat angerufen,“ meint die Oma leise.
Rainer hebt den Kopf und Tränen funkeln in seinen Augen.
Dann weißt du ja, was für ein Versager ich bin!“
Du bist doch kein Versager!“ ruft die Oma erschrocken.
Sicher, ich bin doch kein richtiger Junge, mag nicht Fußball spielen, klettere nicht auf Bäume und stecke nur den ganzen Tag meine Nase in Bücher, wie ein Mädchen!“
Die Oma muss schmunzeln, doch dann sagt sie ernst.
Wer sagt denn, dass Jungen dies alles können müssen, denk doch nur an Marietta von nebenan, die klettert auf Bäume, spielt besser Fußball als ihre Brüder und mit einem Buch in der Hand habe ich sie noch nie gesehen.“
Aber ich habe doch immer vor allem Angst, ich bin ein richtiger Angsthase und die Jungs in meiner Klasse haben

sogar einen Spottvers auf mich gedichtet!“ ruft Rainer verzweifelt und nun laufen die Tränen über sein Gesicht.
Die Oma reicht ihm ein Taschentuch.
Jeder Mensch hat Angst in seinem Leben, es sind nur verschiedene Ängste.“
Du auch?“
Aber sicher, ich habe oft in meinem Leben Angst gehabt.
Warte einen Moment!“
Die alte Frau geht in ihr Zimmer und als sie zurück kommt legt sie einen roten kleinen Stein auf den Tisch.
Rainer nimmt ihn in die Hand und betrachtet ihn staunend
von allen Seiten.
Da ist ein Kristall! Als ich deinen Opa kennenlernte und wir zum ersten Mal in den Berge wanderten, kamen wir auch in eine Kristallhöhle.
Dieser Stein saß ganz locker in der Felswand und dein Opa hat ihn heraus gebrochen und ihn mir als Pfand unserer Liebe gegeben.
In den fünfzig Jahren unserer Ehe hat dieser Stein mir oft geholfen. Immer wenn ich Sorgen und Angst hatte, dann habe ich den Stein in die Hand genommen und er gab mir Kraft.
Ich brauche ihn nun nicht mehr, aber vielleicht hilft er jetzt dir.“
Rainer nickt und legt den Stein vorsichtig auf sein flache Hand und umschließt ihn mit den Finger.
Er spürt wie ihm auf einmal leichter ums Herz wird und lächelnd sagt er:
Danke, Oma!“
Unser Essen ist nun kalt geworden. Ich habe heute morgen gebacken, wie wäre es mit einer Tasse Kakao und Keksen!“


Seit diesem Tag trägt Rainer den Stein immer bei sich und er wird tatsächlich von Tag zu Tag mutiger.
Wenn er an die Tafel muss, wird er nicht mehr rot und
fängt zu stottern an, sondern löst die Aufgaben.
Beim Sport wagt er Übungen vor denen er sonst gezittert hat.
Nur auf die Kletterwand musst er wegen dem Attest vom Arzt nicht mehr.
Rainer wird von Tag zu Tag selbstbewusster.
Und eines Tages grübelt er darüber nach, ob denn der Stein ihm nicht auch helfen könnte, seine Höhenangst zu besiegen.
Und nun beginnt er an dem großen Birnbaum im Garten zu üben.
Es ist schwer, denn jedes Mal beginnt er wieder zu zittern, doch täglich schafft er es ein Stückchen höher und dann sitzt er eines Tages auf dem höchsten Ast.
Und als er hinunter sieht, vorsichtshalber den Stein in der Hand fest umschlossen, wird ihm kein bisschen schwindelig.
Er hat es geschafft.
In der nächsten Sportstunde geht er zu Herrn Berger und bittet ihn, diesmal auch beim Turnen am Klettergerüst mit machen zu dürfen.
Bist du sicher?“ fragt dieser und als Rainer nickt, meint er
gut, aber ich werde neben dir klettern.“
Rainer klettert flink wie ein Affe die Sprossen hoch.
Oben angekommen dreht er sich um und winkt, dann klettert er genau so schnell wieder hinunter.
Auf dem Boden angekommen, verneigt er sich wie ein Künstler auf der Bühne.
Begeistert klatschend umringen ihn seine Mitschüler.

Was so ein kleiner Stein doch für Wunder bewirken kann.
Vielleicht aber liegt seine Magie an dem
Glauben an sich selbst.“



© Lore Platz



Donnerstag, 12. Januar 2023

Als Opa die Oma freite

Lasst uns wieder zurück in die gute alte Zeit gehen. 
Diesmal ist es nicht eine Erinnerung von mir, nur eine ausgedachte Geschichte.
Wie mein Mann und ich uns kennenlernten werde ich euch später mal erzählen.
Aber ich habe keine Wintergeschichten mehr und für Frühlingsgeschichten ist es noch zu früh.
Denn wenn ich jetzt schon meinen kleinen Elfen losfliegen lasse, würden sie nur erfrieren.
Viel Spaß beim Lesen!

(c) R.M.z.V.



Als Opa die Oma freite


Der alte Mann sitzt auf der Bank vor dem Haus und reibt sich über sein schmerzendes Bein.
Seit seinem Beinbruch vor einigen Jahren taten ihm die Knochen weh und besonders vor jedem Wetterumschwung.
Er wirft einen nachdenklichen Blick auf den strahlend blauen Himmel.
Eigentlich sah es gar nicht nach Regen aus, doch sein Bein irrte sich nie.
Sein kleiner Enkel Tim stapft über die Wiese auf ihn zu, bleibt mit den Händen in den Hosentaschen vor ihm stehen und betrachtet ihn ernsthaft.
Dann stürzt er plötzlich nach vorne, umklammert das Knie des alten Mannes und presst sein Ohr ganz fest auf dessen Oberschenkel.
Enttäuscht richtet er sich wieder auf und meint:
Sie reden ja gar nicht!“
Wer soll denn reden?“
Deine Knochen! Papa hat gerade zu Mama gesagt, sie braucht die Wäsche gar nicht aufzuhängen, denn es wird sowieso bald regnen, denn deine Knochen hätten dir das erzählt.“
Der alte Mann lacht herzlich und hebt den kleinen Dreikäsehoch auf den Schoß.
Tim meine Knochen können nicht sprechen, sie tun nur sehr weh und besonders wenn das Wetter sich ändert.“
Der Junge überlegt einen Moment, dann nickt er.
Oma hat gerade Kekse gebacken, aber sie haben mich weg geschickt,“ meint er dann übergangslos.
Warum denn das?“
Ach Frau Baumann von gegenüber ist mit ihrer Tochter gekommen und nun heulen die Beiden. Glaubst du, dass sie alle Kekse aufessen.“
Aber nein, die Oma hebt dir bestimmt welche auf.“
Willst du wissen warum die Frau Baumann und Rosemarie geweint haben?“
Der Opa sieht den Jungen streng an.
Hast du wieder gelauscht?“
Tim wird ein wenig rot und murmelt:
Nur ein kleines bisschen. Die Rosemarie bekommt ein Baby!“
Der alte Mann runzelt die Stirn.
Das Nachbarmädchen war erst sechzehn und ging noch auf die Schule.
0pa? Man bekommt doch erst ein Baby, wenn man geheiratet hat, aber Rosemarie hat doch gar keinen Mann.“
Der Opa hustet, dann blickt er in das Gesicht des kleinen Jungen, das vertrauensvoll zu ihm aufschaut.
Ich habe dir doch erzählt, dass oben im Himmel in einem großen Saal viele, viele Seelen wohnen. Und diese Seelen warten darauf, dass sie endlich auf die Erde dürfen und wenn nun eine Seele sich seine Eltern ausgesucht hat, dann wird das Tor geöffnet, damit sie zu seinen neuen Eltern fliegen kann.
Manche Seelen aber sind viel zu ungeduldig und schlüpfen mit hinaus, ohne zu warten bis ihre Eltern verheiratet sind.“
Nicht wahr, ich war eine geduldige Seele und habe gewartet.“
Tim strahlt seinen Großvater an.
Dieser schmunzelt und fragt dann, um den Jungen abzulenken.
Soll ich dir eine Geschichte erzählen?“
Ja, aber eine echte!“
Was ist denn eine echte Geschichte?“
Kein Märchen oder eine erfundene Geschichte, sondern eine Geschichte, die du selbst erlebt hast.“
Dann will ich dir erzählen, wie ich deine Oma kennen gelernt habe.“
Der kleine Junge kuschelt sich an den Großvater und dieser beginnt zu erzählen:

Als ich noch Student war habe ich in den Semesterferien mit meinen Freunden Richard und Bernhard eine mehrtägige Radtour durch unsere schöne Heimat gemacht.
Wenn es regnete haben wir in einer Jugendherberge und bei schönem Wetter im Freien übernachtet.
Eines Abends, es war schon dunkel, schoben wir unsere Räder durch ein kleines Waldstück.
Ein Bauer hatte uns erklärt, dass dahinter ein schöner See sei, an dem wir übernachten konnten.
Als wir die Lichtung erreichten sahen wir das Wasser vor uns liegen und der Mond spiegelt sich darin und tauchte alles in ein gespenstisches Licht.
Aus dem Wasser stieg eine Nixe und schüttelte ihr langes nasses Haar, so jedenfalls kam sie mir vor.
Sie griff nach einem Handtuch und ich erwachte aus meiner Verzauberung.
Bernhard und Richard waren schon weitergegangen und ich hörte sie reden und lachen.
Da erst bemerkte ich den bunt angemalten Bus und die zwei Zelte und das hell lodernde Lagerfeuer.
Vier Jungen und drei Mädchen saßen daran und auch meine Freunde hatten sich dazu gesellt.
Ich trat zu ihnen und nun stellten sie sich alle vor. Sie waren mir sofort alle sympathisch.
Genau wie wir waren sie Studenten, die in den Ferien mit dem Bus durch die Gegend fuhren und mal hier und mal da hielten.
Aus dem Zelt trat meine schöne Nixe. Sie trug nun
ein Kleid und ihre Haare waren noch feucht.
Als sie mir als Marianne vorgestellt wurde, stammelte ich nur dummes Zeug und schämte mich dafür.
Ich war doch sonst nicht auf den Mund gefallen.
Sie aber lächelte mich liebreizend an und setzte sich dann neben einen großen dunkelhaarigen Jungen.
Traurig dachte ich, dass sie schon vergeben sei und wie jubelte mein Herz, als ich nach einiger Zeit mitbekam, dass es ihr Bruder war.
Den ganzen Abend konnte ich kaum den Blick von ihr wenden und wenn sie lachte, hüpfte mein Herz vor Freude.
Sie hatte ein so fröhliches herzliches Lachen.
Wir feierten bis spät in die Nacht mit unseren neuen Freunden, sangen zur Gitarre, brieten uns Würste, die wir an einem langen Stecken ins Feuer hielten und ließen die Rotweinflasche kreisen.
Kein Wunder, dass ich tief, fest und lange schlief.
Als ich am nächsten Morgen erwachte, waren die Zelte abgebaut und der Bus verschwunden.
Aufgeregt weckte ich meine leise schnarchenden Freunde.
Sie sind weg, wo sind sie hin!“
Wer, was, brüll` doch nicht so!“ Richard rieb sich verschlafen die Augen und auch Bernhard streckte seinen Kopf aus dem Schlafsack.
Unsere neuen Freunde!“ schrie ich panisch.
Die haben doch gestern Abend gesagt, dass sie heute ganz früh bereits wieder losfahren. Aber das hast du ja nicht mitbekommen, warst viel zu beschäftigt die schöne Marianne anzuhimmeln.“
Ich wurde etwas rot und rollte meinen Schlafsack zusammen.
Was war ich doch selten dämlich, hatte mich in ein Mädchen verliebt von dem ich nur den Vornamen kannte.“

Tim hebt den Kopf:
Aber du hast sie dann wiedergefunden, sonst wäre sie ja nicht meine Oma geworden.“
Der alte Mann nickt und streicht dem Jungen über die Haare.
Ja, aber fast zwei Jahre später. Wir steckten mitten im Examen und um uns etwas abzulenken, beschlossen wir die neue Eisbahn auszuprobieren.
Richard hatte sich inzwischen ein Auto angeschafft und wir drei quetschen uns in das kleine Fahrzeug und fuhren in die 15 Kilometer entfernte Stadt.
Ich war noch nie auf der Eisbahn gewesen und staunte.
In den vier Ecken standen große Strahler und beleuchteten die vielen Menschen, die sich auf dem Eis tummelten und nach der Musik aus den Lautsprechern mehr oder weniger elegant tanzten.
Der Duft nach Bratwürsten und Glühwein erfüllt die Luft.
Wir setzten uns an den Rand, um unsere Schlittschuhe zu binden.
Ich fädelte gerade die Schnur durch die Öse, da hörte ich ein fröhliches herzliches Lachen.
Es traf mich wie ein elektrischer Schlag.
Dieses Lachen kannte ich, Marianne!
Fieberhaft ließ ich meinen Blick über die Schlittschuhläufer gleiten und dann entdeckte ich sie.
Eine kecke rote Strickmütze auf den goldblonden Locken tanzte sie übermütig mit einem kleinen Mädchen.
Ihre kleine Schwester wie ich später erfuhr.
Ich sprang auf und sauste los.
Meine Freunde riefen mir nach, denn sie wollte mich auf meine nachschleifenden Schnürsenkel aufmerksam machen.
In der Eile hatte ich vergessen meine Schlittschuhe fertig zu binden.
Aber ich hörte sie nicht.
Meinen Gedanken waren nur bei dem Mädchen, dass ich
nie vergessen konnte.
In Windeseile sauste ich über das Eis auf Marianne zu.
Da ging ein Ruck durch meinen Körper.
Die losen Bänder hatten sich in den Kufen verfangen.
Ich hob beide Arme, um die Balance zu halten und fiel auf meinen Allerwertesten.
Durch die Schnelligkeit schlitterte ich noch einige Meter auf dem Eis dahin, direkt auf das erschrockene Mädchen zu.
Da lag ich nun, mit schmerzende Po und rot wie eine Tomate vor Verlegenheit.
Marianne war erschrocken zur Seite gesprungen und sah mich nun an.
Sie erkannte mich, wurde etwas rot, strahlte mich an und begann herzlich zu Lachen.
Seit diesem Moment habe ich meine Marianne nicht mehr aus den Augen verloren und nun sind wir mehr als vierzig Jahre verheiratet.“

Tim grinst:
Das war eine schöne echte Geschichte und Oma Marianne
lacht immer noch so schön, dass man einfach mitlachen muss.“
Das stimmt mein Junge, aber sieh mal nach oben. Meine Knochen haben sich nicht geirrt. Es wird bald regnen.“
Tim kichert, denn ein dicker Regentropfen platscht auf seine Nase.
Hand in Hand laufen sie auf das Haus zu und erreichen es gerade noch bevor der Regen niederprasselt.


© Lore Platz (2023)


Anmerkung:
Solche sprechenden Knochen habe ich auch und am lautesten protestieren sie, wenn das Wetter umschlägt.
Das ist wohl ein Privileg des Alters, auf das ich aber gerne verzichten würde.



Donnerstag, 29. Dezember 2022

Der Weihnachtsbaum muss raus

 

 Der Weihnachtsbaum muss raus

    

                    

Der Weihnachtsbaum muss raus!



Elke hielt mit beiden Händen die Kaffeetasse und sah glücklich lächelnd auf den leuchtenden Weihnachtsbaum.

Wie sie ihn liebte, diesen Duft nach Tanne und die bunten Lichter, die sie so sehr an früher erinnerten, als sie noch Kind war und glücklich. Noch nicht gefangen in einer kalten Ehe.

Die ersten Jahre waren noch schön, doch dann hatte sich etwas verändert. Es war genauso, als wäre sie ein Zombie.

Vielleicht war sie ja auch schuld, denn sie hatte viel zu viel aufgeben und sich zu sehr untergeordnet.

Erst war es ihr geliebter Beruf, denn Sebastian wollte, dass sie nur für ihn da war.

Dann hatte er nach und nach ihre Freundinnen vergrault, weil er sie ganz für sich haben wollte.

Und ihren Kinderwunsch hatte er einfach ignoriert, denn er war viel zu egoistisch, alles sollte sich nur um ihn drehen.

Und nun hatte sie erfahren, dass er auch noch eine Geliebte hatte, die neue Nachbarin, die in die Vogelvilla am Ende der Straße eingezogen war.

Aber seltsamerweise berührte sie das kaum, sie hatte sich schon lange innerlich von ihrem Mann entfernt.

Sie hörte ihn die Treppe herunter poltern und dann rief er auch schon.

Warum steht das Frühstück nicht auf dem Tisch!“

Elke nahm einen Schluck aus ihrer Tasse und grinste.

Wieso sitzt du hier und glotzt den dämlichen Weihnachtsbaum an, statt mir ein Frühstück zu machen.“

Elke drehte sich um und warf ihrem Mann einen spöttischen Blick zu.

Der Kaffee ist in der Kanne, im Kühlschrank sind Eier und Speck, wie man einen Toast in den Toaster steckt wirst du ja wissen.“

Was soll das! Ich arbeite Tag und Nacht , damit du ein schönes faules Leben hast und da kann ich doch wenigstens verlangen, dass du mir ein gutes Frühstück bereitest!“

Elke zuckte nur die Schultern.

Sebastian wurde noch wütender.

Außerdem der Weihnachtsbaum muss raus, warum steht er immer noch hier, willst du vielleicht an Ostern die Eier dran hängen. Verrückt genug bist du ja, mit deinem dämlichen Weihnachtsfimmel!“

Langsam stellte Elke ihre Tasse ab und wandte sich ihrem Mann zu.

Ja, ich liebe Weihnachten, weil dieses Fest etwas Wärme in mein Leben bringt, denn sonst erfriere ich neben dir.



Vielleicht hätte ich weiter gemacht und

wäre nicht zur Vernunft gekommen. Aber da du dir nun eine Geliebte zu gelegt hast, finde ich, es ist Zeit für dich zu gehen.“

Sebastian wurde blass: „Du weißt von Angela!“

Denkst du wirklich, das bleibt geheim, wie naiv bist du denn,“ spöttisch zog Elke die Brauen hoch.

Übrigens deine Koffer stehen gepackt in der Diele, ich möchte, dass du noch heute das Haus verlässt. Wie du weißt, gehört dieses Haus meinen Eltern.

Und mein Anwalt wird sich demnächst mit dir in Verbindung setzen und die Scheidung besprechen.“

Elke schloss die Augen und dankte dem guten Geist, der sie davor bewahrt hatte, das Angebot ihres Vaters anzunehmen, der ihnen das Haus überschreiben wollte.

Aber du kannst mich doch nicht einfach raus schmeißen, wo soll ich denn hin.“

Nun deine Geliebte wird dich sicher mit offenen Armen empfangen,“ grinste seine baldige Exfrau.

Wütend drehte er sich um und knallte die Tür zu.

Der Tannenbaum ließ vor Schreck ein Häufchen Nadeln fallen.

Bedauernd sah Elke ihn an.

Armer Kerl ich denke auch wir beide müssen uns schön langsam trennen.“

Die Haustür fiel ins Schloss und gleich darauf heulte der Motor des Autos auf.

Elke sprang auf und tanzte ausgelassen durch das Wohnzimmer.

Frei endlich frei!


© Lore Platz  ( 2022)