Donnerstag, 2. Mai 2019

Tumult im Märchenwald


 
(c) Nadine F.


Ende 1814 erschien der zweite Band der Kinder und Hausmärchen der Brüder Grimm.
In der zweiten Auflage von 1819 befanden sich bereits zwei Zeichnungen, die der Jüngste der Grimm Brüder, Ludwig Emil gefertigt hatte.
Es handelt sich dabei um ein Fantasie Bild zu dem Märchen „Brüderlein und Schwesterchen“, sowie ein Porträt einer Frau, die als Märchenfrau bezeichnet wurde.
Dabei handelte es sich um Dorothea Viehmann, die einzige Quelle der Märchen, die namentlich genannt wurde und der Wilhelm Grimm im zweiten Band in der Vorrede ein Denkmal setzte.
Die Gastwirtstochter hatte schon als Kind den Geschichten der Soldaten und Fuhrleuten gelauscht und sie im Gedächtnis behalten.
Natürlich sind die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm nicht durch die Gegend gewandert und haben Märchen und Sagen gesammelt, wie es oft romantisch dargestellt wurde.
Die meisten Geschichten wurden ihnen in ihrer Wohnung in Kassel erzählt.
Wilhelm Grimm hat dann die oft zerrütteten und schlecht erzählten Märchen restauriert und in einem wunderschönen Stil geschrieben ohne den Originalton zu verändern.
So schuf er ungewollt seinen eigenen Buchmärchenstil.
Wichtige Quellen für die Märchen waren die Pfarrerstochter Friederike Mannel, die befreundete Nachbarsfamilie des Apothekers Wild, dessen Tochter Dorothea, Wilhelm Grimm später heiratete.

Die Familie Haxthausen und Droste-Hülshoff lieferten den Brüdern westfälische Märchen.
Ebenso besaßen die Schwestern Hassenpflug ein reiches Wissen an Märchen von ihrer französischen Großmutter und besonders Marie Hassenpflug konnte ein Vielzahl an Märchen beisteuern.
Zu einem folgenschweren Irrtum, der fast 100 Jahr bestehen sollte, kam es , als Hermann, der Sohn Wilhelms die Aufzeichnungen seines Vaters sichtete.
Wilhelm hatte meist die Vornamen der Erzähler unter die Aufzeichnungen gesetzt.
Und Hermann hielt „Marie“ für eine alte hessische Kinderfrau, während es sich tatsächlich um Marie Hassenpflug handelte.
Warum kamen die Brüder Grimm eigentlich auf die Idee Märchen und Sagen zu sammeln?
Als Brentano und Arnim alte deutsche Lieder für
Des Knaben Wunderhorn“ zusammen trugen, baten sie die Brüder Jakob und Wilhelm um Mithilfe.
Es war hauptsächlich Wilhelm, der keine Anstellung damals hatte, der die Bibliotheken nach Mythen, Sagen und Volksliedern durchforschte.
Später begann dann Clemens Brentano ein neues Projekt und bat wieder die Brüder um Hilfe.
Sie sollten nun Märchen und Sagen für ihn sammeln.
Doch Brentano fand die Texte langweilig und wollte nicht mehr weiter machen.
Glücklicherweise hatten die Brüder für sich selbst eine Abschrift gemacht und Achim von Arnim drängte sie schließlich 1812 die Märchen doch zu veröffentlichen und machte sie mit einem Berliner Verleger bekannt.

Deshalb erschien auch die Widmung:
Für Frau Elisabeth von Arnim für den kleinen Johann Freimund“ in der Erstausgabe.

Warum ich euch wieder ein wenig von der Brüdern Grimm erzähle, das hat seinen Grund.
Als ich vor einigen Monaten über ein neues Märchen nachdachte, kam mir so der Gedanke was eigentlich mit den Figuren der Brüder Grimm nach ihren erlebten Abenteuern geschehen sein könnte.
Und so entstand die Geschichte:
Tumult im Märchenwald“, in der ich die Figuren der Brüder Grimm mit meinen eigenen erfundenen Gestalten vermischte.
Vielleicht gefällt euch ja die Geschichte.
Nun macht es euch bequem und hört gut zu.


 
(c) Irmgard Brüggemann

 

Tumult im Märchenwald
 
Frau Sonne hat die letzten Schleier der Nacht vertrieben und wandert nun über das Land.
Lächelnd bleibt sie beim Märchenwald stehen und beobachtet das fröhliche Treiben.
Lachen und Glück ist hier eingekehrt, nachdem der mächtige Feenkönig alle bösen Wesen aus dem Märchenwald auf den nahegelegenen Berg verbannt hat und mit einem Zauber gefangen hält.
Frau Sonne sieht den Vater von Hänsel und Gretel, der sich gerade von seiner Frau mit einem Kuss verabschiedet.
Auch die Kinder drücken ihre Mutter, haben sie ihr doch längst ihre Verzweiflungstat verziehen.
Vergnügt pfeifend mit geschulterter Axt marschiert der Vater dem Wald zu und Hänsel und Gretel folgen übermütig kichernd.
In den Händen haben sie Körbchen, denn sie wollen Beeren sammeln.
Bevor sie im Gehölz verschwinden wenden sie sich noch einmal um und winken der Mutter zu.
Frau Sonne schmunzelt, dann gleitet ihr Blick hinüber zu den vielen Burgen und Schlössern in denen die Könige mit ihren Prinzessinnen leben.

 
(c) Irmgard Brüggemann

Der Froschkönig mit seiner Gemahlin, die ihn einst erlöst hat,
Schneewittchen mit ihrem Prinz,
König Drosselbart und seine inzwischen so liebenswerte und gar nicht mehr verwöhnte Gattin,
Aschenputtel, die gar nicht mehr schmutzig herum laufen muss und mit ihrem Prinzen sehr glücklich geworden ist,
Rapunzel, deren schönes langes Haar im ganzen Reich berühmt ist, mit ihrem Königssohn,
wohnen hier.
Ebenso ist Dornröschen mit ihrem Prinzen, der sie nach hundert Jahren Schlaf geweckt hat, sehr glücklich in ihrem erlösten Schloss.
Die ehemalige Müllerstochter und ihr Prinz freuen sich, wie prächtig sich ihr kleiner Sohn entwickelt.
Und auch die Prinzessin, die Hans mit seiner goldenen Gans und den Leuten, die an ihrem Schwanz fest klebten, zum Lachen gebracht hatte, lebt glücklich und zufrieden auf ihrer Burg.
Alle Könige und Prinzen sind miteinander befreundet und besonders die Damen pflegen einen herzlich Umgang miteinander und jeden Tag treffen sie sich in einem anderen Schloss zum Frühstück.
Der heutige Treffpunkt ist das Schloss von „Gans kleb an“
und Frau Sonne sieht wie Schneewittchen, Aschenputtel, Rapunzel und Dornröschen Arm in Arm über die Wiese schlendern.
Die sieben Zwerge verlassen eben ihr Häuschen, warten bis der älteste umständlich die Tür schließt, dann marschieren sie im Gänsemarsch in Richtung Bergwerk.
Als sie fröhlich pfeifend an den Prinzessinnen vorbei kommen und Schneewittchen entdecken winken sie vergnügt.
Der kleinste Zwerg löst sich aus der Reihe, purzelt mit seine kurzen Beinen zu Schneewittchen, die sich bückt und ihm einen Kuss auf die Stirn gibt.
(c) Irmgard Brüggemann

Errötend wendet er sich ab, reiht sich ein, und noch einmal fröhlich winkend, geht es im Gleichschritt weiter.
Die jungen Frauen kichern und warten dann, denn von der anderen Seite kommen die Müllerstochter, die Frau von König Drosselbart und des Froschkönigs Liebste.
Gemeinsam betreten sie den Burghof ihrer Gastgeberin.
Die goldene Gans kommt ihnen laut schnatternd entgegen gewatschelt.
Vorsichtshalber machen die jungen Damen einen großen Bogen um das Federvieh.
Die junge Königin kommt freudestrahlend die Freitreppe herunter und begrüßt ihre Freundinnen.
Frau Sonne freut sich über den schönen Anblick der hübschen Mädchen.
Eine Bewegung erregt ihre Aufmerksamkeit und schmunzelnd beobachtet sie die Heinzelmännchen, die purzelnd und stolpernd über die Wiese laufen.
Sie sind auf dem Weg zur Frau des Schusters die wie jeden Morgen für sie ein Frühstück bereit hält.
Diese steht bereits vor ihrer Tür und hält Ausschau nach den kleinen Strolchen.
Die Frau des Schneiders tritt eben aus dem Nachbarhaus und stellt sich neben sie.
Beide runzeln die Stirn als sie die kleinen Wichtel erblicken.
Hält man denn das für möglich!“ schimpft die Frau des Schusters und ihre Nachbarin schüttelt fassungslos den Kopf.
Gestern haben beide die kleinen Kerlchen gebadet und neu eingekleidet und wie sehen sie nun aus?
(c) Bärbel

Total verschmutzt und Höschen und Hemdchen zerrissen.
Nur die kleinen Zipfelmützchen sind noch ganz .
Die Frau des Schusters stemmt die Arme in die Seiten und blickt die kleinen Schmutzfinke wütend an.
Unbeeindruckt von ihrer finsteren Miene schenken die Heinzelmännchen ihr ein strahlendes Lächeln.
Doch die mütterliche Frau lässt sich von ihren unschuldigen Gesichtern nicht beeinflussen.
Sie deutet auf die Tür.
Marsch ins Badezimmer! So schmutzig setzt ihr euch nicht an den Tisch!“
Leise murrend schleichen die kleinen Dreckspatzen an ihr vorbei, drehen sich an der Tür noch einmal um und schneiden hinter dem Rücken der beiden Frauen lustige Grimassen.
Die Frau des Schusters wendet sich seufzend an ihre Freundin.
Da bekommt dein Mann mal wieder viel zu flicken.“
Die Frau das Schneiders nickt.
Unser Lehrjunge muss nur noch für die Heinzelmännchen arbeiten, sonst könnten wir gar keine andere Kundschaft mehr bedienen. Ich werde mal sehen, ob Ersatzkleidchen fertig sind.“
Kopfschüttelnd geht sie ins Nebenhaus.
Als die Frau des Schusters ihr Häuschen betritt sieht sie sich suchend um.
Wo steckten nur diese Schlingel wieder?
Da hört sie kichern und plätschern aus dem Badezimmer.
Voll böser Vorahnung öffnet sie die Tür und schlägt
entsetzt die Arme über dem Kopf zusammen.
Im Waschzuber stehen die kleinen Kerlchen und bespritzen sich kichernd mit Wasser.
Der ganze Boden steht unter Wasser und Seifenschaumwölkchen schweben durch die Luft.
Die geplagte Frau lässt einen Brüller los und augenblicklich
tritt Stille ein und die Wichtel sehen sie erschrocken an.
Wütend schimpfend hebt sie die nassen Kleider auf und wirft sie in einen Eimer, dann wischt sie den Boden.
Die Männchen beobachten sie ein wenig bange, sie hatten es wohl übertrieben, ob es jetzt keinen süßen Kakao gab?
Noch immer finster blickend packt die Schustersfrau einen Wichtel nach dem anderen, schrubbt ihn tüchtig ab und schickt ihn in die Küche.
Als sie dann die Küche betritt, beginnt sie gleich wieder zu schimpfen.
Die Handtücher liegen alle auf dem Boden und die Heinzelmännchen sausen splitterfasernackt und fröhlich kichernd durch den Raum.
Zum Glück kommt eben die Frau des Schneiders und gemeinsam gelingt es ihnen die kleinen Lausbuben einzufangen.
Als sie endlich gestriegelt und geschniegelt am Tisch sitzen und artig ihren Kakao trinken, sehen sie aus, als könnten sie kein Wässerchen trüben.
Die beiden Frauen aber sitzen erschöpft auf ihren Stühlen, sehen sich an und fangen an zu Lachen.
Die Heinzelmännchen strahlen und lachen mit.
Der Friede ist wieder hergestellt.
(c) Irmgard Brüggemann

Schmunzelnd wandert Frau Sonne weiter.
Ach da hinten war das Haus von Rotkäppchen und ihrer Familie.
Das kleine Mädchen deckt gerade auf der Terrasse den Tisch und ihre Mutter kommt eben mit der dampfenden Kaffeekanne, ihr folgt der Jäger, der inzwischen Rotkäppchens Stiefvater ist.
Frau Sonne sieht der glücklichen kleinen Familie ein wenig beim Frühstücken zu, dann wandert sie weiter.
Sie kommt nun tiefer in den Wald und steht bald über dem Häuschen von Rotkäppchens Großmutter.
Türen und Fenster stehen weit auf und ein leckerer Duft dringt nach draußen.
Man hört eine zittrige Altfrauenstimme ein Liedchen singen.
Bald kommt die Großmutter in den Garten und hält eine Schüssel mit Haferbrei, der noch dampft, in den Händen.
Vorsichtig geht sie den Weg in den Wald zu einer Stelle, an der die sieben Geißlein gerade den Wolf ärgern.

 
(c) C .P.
Eines nach dem anderen nimmt Anlauf und springt mit allen Vieren auf den alten Wolf, der bei jedem Sprung schmerzlich stöhnt, und ziehen ihm die Ohren lang.
Die Großmutter verjagt die Geißlein.
Diese verstecken sich kichernd hinter einem Gebüsch.
Dort wollen sie warten, bis die Großmutter weg ist, um dann den Wolf erneut zu ärgern.
Diese stellt die Schüssel auf den Boden und gierig schlabbert der alte Meister Isegrimm die Schüssel leer.
Laut rülpst er und hinter den Büschen kichern die Geißlein.

Dake, as ar ecker,“ (Danke, das war lecker) nuschelt er denn er hat keinen einzigen Zahn mehr im Maul.
Der Elfenkönig hatte ihn nicht verbannt für seine bösen Taten, sondern sämtliche Zähne entfernt.
Wie er so da steht kann man wirklich Mitleid mit dem Häufchen Elend bekommen.
Misstrauisch schielt er ins Gebüsch und auch die Oma wirft einen strengen Blick hinüber.
Geht nach Hause, eure Mutter wartet sicher schon, für heute ist die Spielstunde vorbei!“ fordert sie die Geißlein auf.
Etwas widerwillig gehorchen die Kleinen.
Der Wolf streckt seinen Rücken.
Die kleinen Hufe der Geißlein können ganz schön weh tun.
Dake, iebe oschutter, enn isch eine ähne osch ätte, ann önnte isch isch fffereidigen und sssie ein enisch schicken.“
(Danke liebe Großmutter, wenn ich meine Zähne noch hätte, dann könnte ich mich verteidigen und sie ein wenig zwicken.)
Papperlapapp , du würdest sie nicht nur zwicken, sondern gleich auffressen.
Ich kann es ihnen nicht verdenken, dass sie wütend auf dich sind und es dir jetzt heimzahlen, da du nur noch ein zahnloser Grummelgreis bist.“
Der Wolf senkt beschämt den Kopf
disch und ass odkäppchen abe isch och auch gefeschen, aaruum bisch du ann nischt öse ausch misch?“
(Dich und das Rotkäppchen habe ich doch auch gefressen,
 warum bist du dann nicht böse auf mich?)
 
Ach weißt du ich bin alt und habe schon viel gesehen und außerdem sollte man die kostbare Zeit nicht mit Hass und Zorn verbringen. Was vorbei ist ist vorbei, du bist jetzt ein lieber Wolf, wenn auch nicht ganz freiwillig.
Außerdem bin ich sehr einsam und da kann ich mich doch ein wenig um so einen zahnlosen alten Wolf kümmern.
Komm, wir wollen ein wenig spazieren gehen.“
Zufrieden trabt der alte graue Wolf neben der Oma durch den Wald.


Morgen geht es weiter