Donnerstag, 4. Juli 2019

Geschichten aus dem Zauberwald - Der gute Kobold 4






Bald haben sie die kleine Gärtnerei von Melisandes Eltern erreicht und das Mädchen öffnet das Tor.
Kommst du mit?“
Mateo zögert.
Sie haben dich verspottet, meinetwegen.“
Melisande zuckt mit den Schultern.
Ach, das sind doch nur dumme Gänse. Ich mag dich und bin stolz auf unsere Freundschaft.“
Mit glücklich leuchtenden Augen folgt der Kobold dem Mädchen ins Haus.
Melisandes Mutter ist am Anfang etwas zurückhaltend dem Gast gegenüber, doch Mateos freundliche, bescheidene Art gewinnt auch ihr Herz.
Als Viktor das Zimmer betritt sitzen die drei gemütlich plaudern
bei Kaffee und Kuchen.




Hallo Viktor, möchtest du auch eine Tasse Kaffee?“ begrüßt ihn Agnes.
Ja, ja, ich will nur schnell meine Hände waschen,“ brummt dieser und mustert Mateo mit einem nachdenklichem Blick.
Doch wenig später sitzt er dann in seinem gemütlichen Sessel und fachsimpelt mit dem Kobold über Kräuter.




Draußen wird es dunkel und Agnes zündet die Lampen an.
Mateo wirft einen Blick aus dem Fenster und meint bedauernd:
Leider muss ich jetzt gehen, denn Zenko und Pummelchen machen sich bestimmt schon Sorgen.“
Sicher doch mein lieber Mateo und komm bald wieder vorbei du bist immer willkommen bei uns,“ erklärt Agnes.
Viktor räuspert sich.
Hättest du nicht Lust, mein Junge, mir in der Gärtnerei zu helfen. Ich könnte einen tüchtigen Gesellen gebrauchen.“
Der Kobold strahlt. „Gerne!“
Na, dann bis morgen früh, abgemacht?“
Abgemacht!“
Melisande nimmt seine Hand.
Ich begleite dich noch hinaus.“
Ohne seine Hand loszulassen schlendert sie mit ihm durch den Garten.
Bis morgen Mateo,“ sagt sie leise, stellt sich auf die Zehenspitzen und küsst ihn auf die Wange.
Schnell schließt sie das Tor und läuft ins Haus.




Mateo aber schwebt wie auf Wolken.
Zenko und Pummelchen haben sich schon Sorgen gemacht und sind froh, als sie ihn sehen.
Mit leuchtenden Augen erzählt er ihnen von seinen neuen Freunden.
Zenke sieht versonnen dem Rauch seiner Pfeife nach und schmunzelt.
So,so, ausgerechnet die Kinderfrau des Prinzen hat dich in ihr Herz geschlossen.

Mateo kniet vor den Bohnenstangen, lockert vorsichtig die Erde und zupft hier und da ein gelbes Blatt ab.
Er ist so vertieft in seine Arbeit und bemerkt gar nicht, dass er beobachtet wird.




Königin Rosamund hatte den Garten betreten, um ihre Freundin Agnes zu besuchen und steht nun hinter ihm.
Und obwohl sie Kobolde hasst, fühlt sie sich seltsamerweise
zu Mateo hingezogen.
Verwundert über ihre eigenen Gefühle, geht sie leise weiter.
Agnes hat schon Kaffee gekocht und ein leckerer Napfkuchen steht auf dem schön gedeckten Tisch.
Wie so oft, reden sie von dem kleinen Prinzen Mirzel, was für süße Pausbäckchen er hatte, wie herzhaft er kichern konnte und... .
Melisande kommt ins Zimmer und begrüßt den Gast freundlich.
Mit einem liebevollen Blick betrachtet die Königin das Mädchen.
Melisande, du wirst immer hübscher.“
Sie zwinkert vergnügt.
Hast du denn schon einen Liebsten?“
Das Mädchen errötet und Agnes lächelt.
Ich weiß zwar nicht, ob Meli schon einen Freund hat, aber ich bin sehr stolz auf sie.“
Melisande winkt verlegen ab: 
„Nun hör schon auf, Mama, gib mir lieber ein Stück Kuchen, oder besser noch zwei.“
Agnes lacht und schneidet zwei dicke Scheiben ab.
Hier für dich und Mateo, und nun lauf schon.“
Die Königin sieht nachdenklich dem davon eilendem Mädchen nach.
Weißt du Agnes, obwohl Mateo einer dieser schrecklichen Kobolde ist, gelingt es mir nicht ihn zu hassen. Es ist ganz eigenartig.“
Ihre Freundin nickt heftig.
Uns geht es genauso. Wir haben Mateo ins Herz geschlossen, fast wie einen Sohn!“
Rosamund sieht sie ernst an.
Ich glaube, Melisande liebt ihn?“
Agnes nickt bekümmert.
Sie werden es nicht einfach haben,“ meint die Königin,
 „ aber wenn ich helfen kann, wendet euch an mich.“
Die Tür geht auf und Viktor guckt vergnügt herein.
Hmmm, hier duftet es nach Kaffee, habt ihr noch ein Tässchen über, für einen schwer arbeitenden Mann?“
Bald sitzt auch Viktor bei ihnen und die Gespräche drehen sich um andere Themen.
Doch auch der schönste Nachmittag geht zu Ende und die Königin muss ich verabschieden.
Als sie an Mateo vorbei geht, der gerade die Gurkenpflanzen gießt, grüßt sie freundlich.
Mateo sieht ihr versonnen hinterher und es ist ihm ganz seltsam ums Herz.



Gemächlich schreitet Schneeflocke durch den Wald.
Lilofee ist auf dem Weg zu ihrem Patenonkel, dem Zauberer Hokuspokus.
Der Wald lichtet sich und vor ihnen breitet sich eine weite blühende Wiese aus.
Freudig wiehert die Stute und trabt übermütig durch das Gras.
Lilofee lenkt das Pferd den gewundenen Pfad hinauf und mit fliegender Mähne galoppiert Schneeflocke in den Schlosshof.
Dem herbeieilenden Stallburschen reicht Lilofee die Zügel der übermütigen Schneeflocke und eilt die breiten Marmorstufen hinauf.
Mit strahlendem Lächeln wird sie von der Hausdame Friska, einer pummeligen Zwergin, begrüßt.
Vergnügt beugt sich Lilofee zu dem alten Fräulein hinunter und drückt ihr einen Schmatz auf die Backe.
Hallo, Friska, lange war ich nicht mehr da.“
Und ihr kommt gerade zur rechten Zeit. Seit Tagen schon verkriecht sich der Herr in seinem Arbeitszimmer, murmelt ständig vor sich hin und will nichts essen und trinken.“
Die Zwergin sieht ganz bekümmert aus.
Beruhigend klopft ihr Lilofee auf die Schulter.
Dann will ich mal sehen, was ich machen kann!“
Sie klopft an die hohe Tür und tritt leise ein.
Hokuspokus sitzt an seinem Schreibtisch, sein Gesicht in
beiden Händen vergraben und hat das Klopfen überhaupt nicht gehört.
Er zuckt zusammen, als Lilofee ihm die Hand auf die Schulter legt, doch dann strahlt er.
Hallo Onkel Pokus!“
Das Mädchen benutzt den Kosenamen aus Kindertagen.
Meine kleine Lilly, wie schön, dass du mich wieder einmal besuchst.“
Besorgt betrachtet Lilofee das graue kummervolle Gesicht.
Was ist los?“
Ich habe ein schlimmes Problem.“
Erzähl mir, wo drückt der Schuh?“
Die Fee setzt sich auf den Schreibtisch und sieht ihren Paten erwartungsvoll an.
Dieser kraust kummervoll die Stirn.




Du kennst doch die Hexe Wally. Sie hat mir ihren Ring, den mit dem großen Rubin, vorbei gebracht, da der Stein aus der Fassung gebrochen war.
Der Ring ist ein wertvolles Familienerbstück.
Und du weißt, dass ich mich ein wenig mit der Goldschmiedekunst befasse.
Morgen ist Walpurgisnacht und Wally will vorher den Ring abholen.“
Der alte Zauberer seufzt tief auf und starrt bekümmert vor sich hin.
Lilofee betrachtet ihn liebevoll.
Onkel Pokus, wo liegt das Problem, kannst du den Ring nicht reparieren?“
Doch, doch, der Ring ist wieder wie neu, eine gut Arbeit von mir.“
Er schmunzelt zufrieden, doch dann wird sein Gesicht wieder düster.
Ich kann den Ring nicht mehr finden und dabei war ich mir sicher, dass ich ihn hier auf den Tisch gelegt habe. Aber du weißt ja, wie zerstreut ich manchmal bin.“
Du denkst, du hast ihn verschusselt, komm wir suchen nach dem Ring.“
Hokuspokus winkt müde ab.
Kind, seit Tagen mache ich nichts anderes!“
Lilofee setzt sich auf die Fensterbank, schlingt die Arme um die Knie und blickt nachdenklich ins Grüne.
Wally kann sehr ungemütlich werden, wenn es nicht nach ihrem Kopf geht.“
Ich weiß, deshalb versuche ich auch immer, mit ihr gute Nachbarschaft zu halten.“
Hokuspokus senkt traurig den Kopf.




Eine Weile ist es still im Zimmer.
Lächelnd beobachtet Lilofee einen Zitronenfalter, der fröhlich über die Wiese gaukelt und sich dann auf einer Blume niederlässt.
Eifrige Bienen schwirren laut summend um die Blüten des Kirschbaumes.
Eine Elster flattert auf das Turmfenster zu, als sie Lilofee sieht, erschrickt sie, schlägt einen Bogen und verschwindet im Wald.
Nanu?“ wundert sich Lilofee, “ das war doch Esmeralda, sieht aus, als hätte sie ein schlechtes Gewissen.“
Lilofee hüpft von der Fensterbank, umarmt ihren Onkel und läuft die Treppen hinunter.
Schnell dreht sie ihren Zauberring und verwandelt sich in eine braune, unauffällige Lerche.

Morgen geht es weiter