Freitag, 8. November 2024

Tobias reißt aus

 Mit dieser Geschichte wünsche ich euch ein schönes Wochenende. Da ich gesundheitlich in letzter Zeit enorme Probleme hatte, muss ich etwas Ruhen. Am Montag bin ich wieder da. (zwinkern)

 

 


 

Tobias reißt aus


Die Schulglocke ertönte und die Kinder stürmten lachend und lärmend aus dem Schulhaus.

Sechs Wochen Ferien lagen nun vor ihnen und nicht mal die Zeugnisse in ihren Mappen konnten ihnen die Freude verderben.

Tobias ging mit gesenktem Kopf und traurigem Gesicht zwischen seinen Kameraden, die ihn in Ruhe ließen.

Tobias war einst ein fröhlicher übermütiger Junge, doch vor zehn Monaten war sein Vater gestorben und seitdem hatte er sich sehr verändert.

Seine Freunde wussten nicht so recht wie sie mit ihm umgehen sollten und hatten auch eine gewisse Scheu vor Tobias.

Der Junge hatte nun das große Miethaus erreicht und ging die abgetretenen Holzstufen hinauf.

Abgestandene Luft schlug ihm entgegen und schnell öffnete er die Fenster.

In der Küche nahm er eine Dose Linsensuppe schüttete sie in einen Topf und stellte die Herdplatte an.

Dann deckte er den Tisch, schnitt Brot, stellt die Flamme kleiner und atmetet tief durch, bevor er ins Wohnzimmer ging.

Wie immer saß seine Mutter im Sessel, ein Bild des Vaters auf dem Schoß und starrte vor sich hin.

Tobias berührte sachte ihre Schulter und wie aus einem Traum erwachend sah die Mutter ihn an.

Sie versuchte ein Lächeln, doch es misslang.

„Komm zum Essen, Mama.“

Schwerfällig wie eine alte Frau erhob sich die vierzigjährige und folgte ihrem Sohn stumm in die Küche.

Schweigend löffelten sie ihre Suppe, dann erhob sich Frau Königsberger und murmelte: „ Ich gehe zum Friedhof.“

Der Zehnjährige nickte nur.

 

(c) LP

Nachdem er aufgeräumt hatte warf er sich auf sein Bett, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und starrte an die Decke.

Er fühlte sich erbärmlich !

Wie schön war es gewesen als der Vater noch lebte, die Mutter hatte gesungen und gelacht und wenn der Vater sie neckte wurde sie immer rot wie ein junges Mädchen.

Und dann war von einem Tag auf den anderen alles vorbei.

Auf dem Weg nach Hause wurde das Auto seines Vaters von einem betrunkenem Autofahrer gerammt, überschlug sich und sein geliebter Vater war tot.

Seitdem war die Sonne aus seinem Leben verschwunden und er fühlte sich, als würde er in einer Schattenwelt wohnen. Besonders, da seine Mutter sich immer mehr in ihreTrauer vergrub und oft vergaß, dass sie noch einen Sohn hatte.

Dabei hätte er sie gerade jetzt so dringend gebraucht, denn er wusste nicht wohin mit seinem ganzen Kummer und Schmerz.

Zu gerne hätte er sich in ihre Arme geflüchtet und geweint, doch seine Mutter hatte eine unsichtbare Mauer um sich gebaut und ihn ausgeschlossen.

So war er immer stiller geworden und hatte all sein Leid tief im Inneren verschlossen.

Mit Grauen dachte er an die vor ihm liegenden sechs Wochen. Nein das hielt er nicht aus, er würde verrückt werden. Er musste weg.

Schnell holte er sein Sparschwein und zerschlug es. Die 60 Euro, die darin waren würden genügen, bis er bei seiner Tante war, die in der Nähe des Chiemsees einen Bauernhof besaß.

Ja er wollte zu Tante Jutta, die hatte ihnen sowieso angeboten einige Zeit zu ihnen zu kommen, doch die Mutter wollte nicht weg vom Grab ihres Mannes.

Tobias holte den Schlafsack vom Schrank und packte seinen Rucksack, dann verließ er die Wohnung.

Kurz überlegte er, ob er seiner Mutter ein paar Zeilen schreiben sollte, doch dann meldete sich sein Trotz. Nein! Sie würde doch sowieso nicht merken, ob er da war oder nicht.

Er klemmte den Schlafsack auf den Gepäckständer seine Rads, schulterte den Rucksack und fuhr los.

Bald hatte er die Stadt verlassen, ein leichter Wind fuhr durch sein Haar und die Sonne umschmeichelte sein Gesicht. Ganz leicht wurde ihm auf einmal ums Herz.

Es war schon Spätnachmittag, als er an einem Bach hielt, um die unterwegs gekauften belegten Brötchen zu verspeisen.

Dann legte er sich bäuchlings ans Ufer und schöpfte mit der hohlen Hand Wasser aus dem klaren Bach.

Anschließend füllte er noch die leere Saftflasche und stieg wieder aufs Rad. Es war Zeit sich nach einem Schlafplatz umzusehen.

Er musste ganz schön in die Pedale treten um die Steigung zu schaffen, auch war er schon sehr müde.

 

(c)LP

Plötzlich gab es ein komisches Geräusch und das Hinterrad fing an zu hoppeln.

Schnell sprang er ab und besah sich den Schaden. Ein langer Nagel steckte im Hinterrad. Er hatte einen Platten. Tobias schob die letzten paar Meter nach oben und blieb dann stehen.

Im Tal unten sah er die Spitze eines Kirchturms und weiter rechts flatterte eine Fahne auf einem großen Zelt lustig im Wind.

Ein Zirkus! Da wollte er hin und vielleicht erlaubten sie ihm auch dort zu übernachten. Und in dem Dorf fand er sicher jemand, der ihm das Fahrrad wieder richtetet.

 


Bald erreichte er die große Wiese und sah staunend das große Zelt und die bunten Wohnwagen.

Ein Clown jonglierte mit Bällen. Eine Dame ließ einen Hund in rosa Kleidchen mit vielen Rüschen auf den Hinterbeinen tanzen.

Eine Frau, die eine große Schlange um den Hals trug, tänzelte über den Platz wobei sie den züngelnden Kopf des Reptils vor ihr Gesicht hielt.„Du hast ja einen schönen Platten!“ hörte er eine Stimme neben sich und erblickte ein Mädchen ungefähr in seinem Alter, das einen Schimpansen an der Hand führte.

Tobias grinste. „Ja, gerade passiert, ich heiße Tobias und wollte fragen, ob ich bei euch übernachten dürfte. Ich brauche nicht viel Platz für meinen Schlafsack.“

„ Aber sicher, komm wir fragen den Direktor! Ich bin übrigens Lisa und das ist Gina. Gina sag schön guten Tag zu Tobias.“

Der Affe fletschte die Zähne, schnatterte und reichte dem Jungen seine Pfote, die dieser mit einem freundlichen: „Guten Tag Gina;“ drückte.

Dann folgte Tobias dem Mädchen und dem Schimpansen zu dem älteren Mann, der gerade mit der Schlangentänzerin sprach.

Der Direktor betrachtete forschend den Jungen, dann lächelte er und nickte. Außerdem lud er ihn zur Vorstellung ein, bevor er weiter ging.

Tobias sah etwas scheu auf die große Schlange, die sich auf der Schulter der jungen Frau ringelte.

Diese meinte lächelnd. „Hast du Angst vor Schlangen?“

Der Junge zuckte verlegen die Schultern.

„Meine Indira ist ganz harmlos, willst du sie mal streicheln. Keine Angst, sie ist nicht glitschig!“

Während die Schlangentänzerin den Kopf der züngelnden Schlange fest hielt, fuhr Tobias vorsichtig mit der Hand über den Rücken des Tieres.

Die Haut fühlte sich trocken und etwas rau an, trotzdem atmete er auf, als die junge Frau sich verabschiedete und weiter ging.

Lisa führte ihn nun in ein kleines Zelt, in dem Werkzeuge und allerlei Gerümpel war.

Ein alter Mann feilte gerade an einer Eisenstange und drehte sich um, als sie eintraten.

Freundlich begrüßte er Lisa und diese stellte ihm Tobias vor. Beppo betrachtete sich den Schaden am Rad und meinte:

„Wird ne Weile dauern, heute kannst du nicht weiter fahren.“

„Das geht in Ordnung,“ erklärte das Mädchen, „der Direktor hat erlaubt, dass Tobias bei uns schlafen darf.“

„Dann wüsste ich ein Plätzchen für dich.“

Der alte Mann deutete in die Ecke, in der neben dem Futter für die Tiere auch ein großer Heuhaufen war und gemeinsam brachten sie Tobias Sachen dorthin.

Nachdem sie sich von Beppo verabschiedet hatten, zeigte Lisa dem Jungen noch die Tiere, doch dann musste sie zurück ins Zelt, weil bald die Vorstellung begann.

Da Lisa bereits bei der Einzugsparade mit machen musste, wollte sie sich vorher noch umziehen.

 


Auf dem Rückweg kamen sie an einem Wohnwagen vorbei auf dessen Stufen eine alte Frau saß und eine Pfeife rauchte.

„Das ist die Großmutter von unserem Direktor, sie kann in die Zukunft sehen.“

„Lisa, was wisperst du mit dem Jungen, du machst ihm doch nur Angst. Komm her mein Junge setz' dich zu mir und du Lisa lauf los, damit du nicht zu spät kommst.“

Scheu setzte Tobias sich neben die alte Frau und betrachtete das braune lederartige Gesicht, das voller Runzeln war.

„Können sie wirklich in die Zukunft sehen?“

Die alte Frau schmunzelte und einige Zahnlücken wurden sichtbar.

„Wer weiß? Außerdem niemand sagt 'Sie' zu mir, ich bin Miranda und dass du Tobias heißt habe ich gehört.“

Sie kicherte und auch der Junge lächelte. Die alte Frau gefiel ihm und er vertraute ihr.

„ Ich kann gut in Gesichtern lesen und in die Herzen der Menschen sehen. Dein Herz ist voller Kummer und Schatten.“

„Mein Vater ist tödlich verunglückt vor einigen Monaten,“ sagte Tobias leise.

Die alte Frau nickte ernst.

„Ich musste schon viele der Meinen begraben, das Zirkusleben steckt voller Gefahren. Dein Vater musste viel zu früh gehen, du hättest ihn noch so notwendig gebraucht.“

Tobias nickte und eine Träne rollte über seine Wange.

„Und meine Mutter hat sich so in die Trauer vergraben, dass sie vergessen hat, dass es mich gibt!“

Seine Stimme klang bitter.

Miranda schwieg eine Weile, dann sagte sie leise.

„Ein indianisches Sprichwort sagt:

'Lass den Vogel der Trauer ruhig über deinen Kopf kreisen, aber erlaube ihm nicht in deinen Haaren zu nisten.'

Mein Vater war ein Cherokee-Indianer und in diesem Spruch steckt viel Weisheit.

Man darf die Trauer nicht unterdrücken und muss sie zulassen, nur so kann man sie einst überwinden.

Aber wenn man sich zu sehr in der Trauer verliert, dann findet man den Weg nicht mehr zurück ins Leben. Du darfst deiner Mutter nicht böse sein, der plötzliche und viel zu frühe Tod deines Vaters war für sie ein Schock.“

„Aber wie kann ich ihr helfen?“

„Du hast ihr schon geholfen, indem du ausgerissen bist.“

Schweigend blicken die zwei so ungleichen Menschen hinauf ins Firmament, das sich inzwischen dunkelblau verfärbt hat und ab und zu blinkt bereits ein Stern auf.

„Gibt es ein Leben nach dem Tod?“

„Wer weiß? Schließ' deine Augen und blicke in dein Herz.“

„Was spürst du?“

„Die Nähe meines Vaters.“

„Mein Volk glaubt, dass nur dann eine Seele stirbt, wenn es niemanden gibt, der sich an sie erinnert. Solange du dich an deinen Vater erinnerst, wird er immer bei dir sein und du bist nie allein.

Und nun geh, die Vorstellung beginnt gleich und denke daran, dein Vater würde sich freuen, wenn du wieder lernst zu lachen und das Leben zu genießen. Und mache dir keine Sorgen um deine Mutter. Es wird alles gut werden.“

Tobias lief zum Zirkuszelt, wo ihn Lisa schon erwartete und ihn zu einer Kiste hinter der Bühne führte, von wo er die Vorstellung verfolgen konnte.

Es waren schöne Darbietungen und bei den Späßen Clowns lachte er hellauf.

Erstaunt lauschte er den eigenen Tönen, wie lange hatte er schon nicht mehr gelacht.

Und gleichzeitig liefen ihm die Tränen über das Gesicht. Sie spülten die letzten Schatten aus seinem Herzen und das Lachen erfüllte es mit Freude.

Er fühlte sich so glücklich und frei wie schon lange nicht mehr.

Am nächsten Morgen nach einem ausgiebigem Frühstück radelte er weiter, begleitet von den guten Wünschen der Zirkusleute.

Und am Spätnachmittag fuhr er in den Hof seiner Tante Jutta.

Nachdem er ihr alles erzählt und sie ihn in der Küche bei der alten Bertha abgeliefert hatte, die den Jungen sofort begann so richtig mit Leckereien zu verwöhnen, führte Jutta ein langes Gespräch mit ihrer Schwester.

Elfriede Königsberger legt den Hörer auf. Sie schämte sich, denn sie hatte nicht einmal bemerkt, dass Tobias nicht da war. Wie erwachend schaute sie sich um und erkannte wie ihre einstmals so saubere Wohnung herunter gekommen war. In den achtlos hingeworfenen Papieren wühlt sie, bis sie den Zettel mit der Telefonnummer der Trauerhilfe fand, die Pfarrer Braun ihr bei der Beerdigung in die Hand gedrückt hatte.

Nachdem sie einen Termin für Morgen Vormittag vereinbart hatte, krempelte sie die Ärmel hoch, um mit Wasser und Seife den Schmutz in ihrer Wohnung zu beseitigen.

Spät in der Nacht fiel sie todmüde ins Bett und schlief zum ersten Mal tief und traumlos.

Am nächsten Morgen, nachdem sie ein langes Gespräch mit der Dame von der Trauerhilfe geführt und die Adresse eines Trauercafes in der Tasche hatte, rief sie ihre Schwester an.

Lange redeten die beiden miteinander, dann bat Elfriede ihre Schwester ihr doch Tobias zu holen.

Tobias legte den Hörer auf und sah seine Tante strahlend an.

„Mama hat sich professionelle Hilfe geholt und sie will sich eine Arbeit suchen, obwohl sie es durch Papas Lebensversicherung eigentlich nicht nötig hat.

Aber sie meint, die Arbeit würde sie vom Grübeln abhalten und sie hat versprochen wenn ich nach Hause komme wird alles anders werden.

Außerdem kommt sie in drei Wochen zu dir, bleibt bis zum Ende der Ferien und wir fahren gemeinsam zurück.“

Jutta die das alles schon wusste nickte.

„Und ich werde euch nach Hause bringen, dein Rad bekommen wir locker in meinen Jeep.“

Sie umarmte ihren Neffen, der sich nicht schämte zu weinen. Doch diesmal waren es Freudentränen.


© Lore Platz  ( 4.7.2015)

Montag, 4. November 2024

Meine große Schwester Karin



 
 Ihr Eintritt in die Welt stand unter keinem guten Stern.
Sie kam im Mai 1945 zur Welt und schrie Tag und Nacht vor Hunger, da meine Mutter zu wenig Milch hatte und in ihrer Unerfahrenheit dies nicht gewusst hat.



 
 
 

Meine Schwester Karin liebte mich und hat mich zeitlebens beschützt, obwohl ich ihr bei unserer ersten Begegnung einen Heidenschreck einjagte.


Als ich am 13. Dezember 1949 geboren wurde befand sich meine Schwester im Krankenhaus.
Sie hatte Scharlach und lag allein in einem isolierten Zimmer und meine Eltern durften sie nur durch eine Scheibe sehen.
Dass meine Mutter schwanger war wusste sie nicht.
Damals waren die Kinder noch nicht so aufgeklärt wie heute, wenn man ein Geschwisterchen haben wollte musste man ein Stück Würfelzucker auf die Fensterbank legen für den Storch.
Als meine jüngste Schwester geboren wurde und meine Mutter im Krankenhaus lag, erzählte man mir, der Storch hätte sie ins Bein gebissen.
Ich weiß noch wie wütend ich wurde, als mein kleiner Spielkamerad ganz aufgeregt zu mir sagte, es stimme gar nicht, dass der Storch die Kinder bringt, sondern dass sie aus der Mutter heraus kämen.
Ich schimpfte ihn einen Lügner, habe ihn stehen gelassen und mehrere Tage nicht mehr mit ihm gesprochen.
Aber ich wollte euch ja vom ersten Zusammentreffen meiner Schwester und mir erzählen.


Karin blieb auch über Weihnachten im Krankenhaus und als sie dann nach Hause kam, feierten meine Eltern für sie den Heiligen Abend nach.
Karin ging also mit strahlenden Augen auf den leuchtenden Baum zu, da begann ich, die etwas versteckt dahinter in einem Wäschekorb lag, zu schreien.
Mein Schwester blieb abrupt stehen, drehte sich um und flüchtet mit einem entsetzten „Mutti“ in deren Arme.
Doch bald hatte sie sich an die lebendige Puppe gewöhnt und entwickelte sofort einen Beschützerinstinkt für mich.
Karin und ich haben niemals miteinander gestritten, weder in der Kindheit noch später.

Dabei muss ich für sie doch ziemlich lästig gewesen sein, denn ich stolperte ihr nach auf Schritt und Tritt.
Immer musste sie auf mich aufpassen und da sie ein richtiger Wildfang war und ich ein überängstliches Häschen, passierte mir oft etwas und sie wurde dann bestraft.
Aber nie hat sie es an mir ausgelassen, sie liebte mich unerschütterlich.
Und ich dankte es ihr mit großer, vielleicht manchmal lästiger Anhänglichkeit.
Wenn sie nach der Bestrafung trotzig, die Tränen unterdrückend, im Kinderzimmer verschwand, lief ich ihr nach umarmte sie und weinte solidarisch mit ihr zusammen.
Karin war kein Baum zu hoch, kein Spiel zu wild, sie verteidigte die Schwachen und wagte sich auch an Buben heran. die einen Kopf größer waren als sie, wenn sie einen Kleineren hänselten.
In ihrer Nähe fühlte ich mich immer sicher.





Später heiratete sie einen Schwaben und zog an den Bodensee.
Sie war ihren beiden Söhnen eine wunderbare Mutter.
Als sie dann mit 48 Jahren unerwartet starb brach eine Welt für mich zusammen.
Ich hatte meinen besten und liebsten Kameraden verloren.
Manchmal tröstete ich mich mit dem Gedanken, dass sie jetzt als mein Schutzengel weiter lebt.
Und wenn ich in eine ausweglose Situation geriet, dann bat ich Karin um Hilfe und oft kam dann unerwartet eine helfende Hand.
 
In meiner Erinnerung wird sie immer weiter leben.
Wisst ihr was mir bei meinem kramen in den Papieren aufgefallen ist?
Die drei wichtigsten Menschen in meinem Leben:
Mein Vater, meine Schwester und mein Mann sind alle drei im August verstorben. 
Aber alle drei leben in meinem  Herzen weiter.





Sonntag, 3. November 2024

Einmal Himmel und zurück

 
 

Für mich ist der Monat November  ein besinnlicher Monat, an dem ich mich mit der Vergänglichkeit des Lebens beschäftige. Vielleicht gefällt euch die Geschichte.
Ich wünsche euch einen schönen Sonntag!







Einmal Himmel und zurück


Anna stand vor der Tür der kleinen Bergpension und genoss den Ausblick.
Als sie vor fünf Tagen hier ankam, war sie verzweifelt und total unglücklich und ihr Leben ein einziger Scherbenhaufen.
Doch die herrliche Landschaft, die Freundlichkeit der Menschen und ihre täglichen einsamen Wanderungen in den herrlichen Bergen, hatten sie viel ruhiger werden lassen.
Außerdem war sie, als sie einen verwundeten kleinen Falken gefunden hatte und ihn, in ihre Jacke gewickelt, ins Tal brachte, dem hiesigen Tierarzt Jochen Berner begegnet und seine liebevolle Art mit dem Tier umzugehen hatte eine Seite in ihr zum klingen gebracht.
Hinter ihr trat die mollige Pensionswirtin aus der Tür.
„Fräulein Anna, ich habe ihnen eine Brotzeit gerichtet und eine Thermoskanne mit Kaffee, hell und süß, wie sie ihn mögen.“
Dankend nahm die junge Frau die Kanne und die eingewickelten Brote und verstaute sie in ihrem Rucksack.
Die Wirtin drückte ihr nun noch einen Plan in die Hand.
„Hier sind die Schutzhütten verzeichnet, versuchen sie immer in deren Nähe zu bleiben, denn das Wetter schlägt schnell um in den Bergen.
Anna schulterte ihren Rucksack und mit einem Gruß ging sie den Abhang hinunter und dann hinauf Richtung Gogelalm.








Einige Stunden wanderte sie nun schon in der sengenden Hitze, ließ sich dann an einem Felsen nieder und machte Brotzeit.
Tief aufatmend schweifte ihr Blick umher und plötzlich fiel ihr auf, dass die Vögel verstummt waren und auch sonst lähmende Stille herrschte.
Dunkle drohende Wolken türmten sich am Himmel und ein heftiger Wind brachte die Bäume und Gräser zum Zittern.
Anna faltete den Plan auseinander, um die nächste Schutzhütte zu suchen, doch der Sturm der jetzt aufbrauste, riss ihr das Blatt aus der Hand, spielte mit ihm und trieb es wild aufheulend vor sich her.
Das Mädchen raffte ihre Sachen zusammen und rannte los.
Bald bemerkte sie, dass sie sich vollkommen verirrt hatte.
Ein Poltern hinter ihr ließ sie umschauen und entsetzt sah sie, wie Geröll und Steine sich vom Berg lösten und direkt auf sie zukamen.
Mehr schlitternd als rennend lief sie den Weg nach unten, das Tosen hinter ihr nahm kein Ende.
Dann spürte sie einen harten Schlag auf dem Kopf und um sie war Schwärze.





Stimmen und Licht umgab sie und sie fühlte sich wie in Watte gepackt.
Dann hörte sie einen entsetzten Aufschrei:
„Herzstillstand, wir verlieren sie!“
Eine andere Stimme brüllte: „Reanimieren!“
Anna aber fühlte sich sehr glücklich und sah sich plötzlich in einem Tunnel, an dessen Ende ein helles strahlendes Licht leuchtete.
Sie lief darauf zu und kam auf eine herrliche sonnenbeschienene Wiese voll leuchtender Blumen, von Bienen um schwirrt und Schmetterlingen um tanzt.
Kinder spielten und ihr fröhliches Lachen spiegelte sich auf den Gesichter der Erwachsenen die in Gruppen standen, oder im Gras bei einem Picknick saßen, wider.
Anna sah an sich herunter und stellte fest, dass sie anstatt der Krankenhauskleidung nun ihre Jeans und ein T-Shirt trug.
Langsam ging sie über die Wiese, grüßte freundlich die Menschen um sie herum, die fröhlich zurück grüßten, dann sah sie, wie sich zwei alte Leute aus einer Gruppe lösten und auf sie zu eilten.
„Oma, Opa!“ jubelte sie und bald hielten die drei sich umfangen.
Ihre Großeltern führten sie auf eine Bank und nun musste Anna erzählen von den Eltern daheim und was ihr passiert ist.
„Ein bisschen jung bist du, um schon hier bei uns zu sein,“ brummte der Großvater.
Anna sah sich glücklich um.
„Es ist so wunderschön hier und ich fühle mich so wohl, wie schon lange nicht mehr.“
Eine Weile schwiegen alle drei, dann meinte ihre Oma.
„Hast du dich schon angemeldet?“
„Muss man sich denn anmelden?“
Der Opa kicherte: „Auch der Himmel bleibt nicht verschont von der Bürokratie.“
Die beiden Alten nahmen nun ihre Enkelin in die Mitte und führten sie zu einem großen weißen Gebäude.
An einer Tür stand Anmeldung und sie reihten sich in die lange Schlange ein.
Ein hübsches rothaariges Mädchen auf Rollschuhen brachten ihnen auf einem Tablett Getränke und etwas skeptisch besah sich Anna in ihrer Tasse die farblose Flüssigkeit.
„Was ist das?“
„Probiere!“ lachte die Oma.
„Hm, das ist ja Kaffee so wie ich ihn liebe!“
„Ja, hier im Himmel kann man essen und trinken was man sich wünscht,“ meinte ihre Oma fröhlich.
„Nur mein geliebtes Bier nicht, denn im Himmel ist Alkohol verboten,“ brummte der Opa, zwinkerte aber seiner Enkelin fröhlich zu.
Endlich dürfen sie in das große Büro treten.
An einem Schreibtisch saß ein Mann mit einer riesigen Brille auf der Nase und schaute in ein großes aufgeschlagenes Buch.
„Name?“ fragte er kurz angebunden.
„Anna Möller!“
Der Engel runzelte die Stirn und suchte die Listen rechts und links ab, blätterte rückwärts und vorwärts, dann hob er den Kopf und sah Anna an.
„Ich kann sie nicht finden, welcher Engel hat sie herauf begleitet?“
„Ich bin allein gekommen.“
Einen finsteren Blick auf sie werfend wendete sich der Mann an den Jungen hinter ihm, der an einem Computer saß.
„Gib den Namen ein.“
Die Finger des Jungen fuhren flink über die Tasten und Anna sah ihr Bild auf dem Bildschirm erscheinen.
„Sterbetag 12. Oktober 2074,“ schnarrte das Bürschlein.
„Sie sind sechzig Jahre zu früh gekommen, sie müssen sofort zurück.“
Streng sah der Büroengel das junge Mädchen an.
Der Opa aber hatte sich leise hinter den Jungen am Computer geschlichen.
Plötzlich wurde das Bild auf dem Apparat schwarz und der Jüngling drehte sich um und warf dem alten Mann einen finsteren Blick zu.
Annas Opa grinste, er hatte genug gesehen.
Der Aufnahmeengel aber drückte eine Taste und sprach in den kleinen Apparat: „Welcher Engel ist gerade frei, er muss ein Mädchen zurück begleiten.“
Doch Annas Großvater legte seine riesige Pranke auf die feingliedrigen Finger des Mannes und meinte:
„Wir werden unsere Enkelin selbst zum Tunnel begleiten.“
Der Engel sah ihn kurz an, dann sprach er in das Sprechgerät. „ Hat sich erledigt!“
Die alten Leute führten Anna nach draußen und setzten sich auf eine Bank.
„Ich möchte nicht gehen, hier ist es so schön und friedlich und zum ersten Mal seit langem fühle ich mich wieder froh und frei. Mein Leben ist zur Zeit ein einziges Chaos. Mein Freund ist nach vier Jahren ausgezogen, weil er mich nicht mehr lieb hat. Ich muss mir eine kleinere Wohnung suchen, weil ich die Miete nicht bezahlen kann und mein Job füllt mich auch nicht aus. Lasst mich doch hier bleiben!“
Liebevoll strich ihr die Oma über die Locken.
„Du hast ja gehört, du bist sechzig Jahre zu früh gekommen. Bist du denn nicht neugierig was das Leben dir noch bietet. Nach Regen kommt Sonnenschein! Und denk doch an deine Eltern, wie traurig sie sind, wenn sie ihr einziges Kind so früh schon verlieren.“
Anna senkte beschämt den Kopf.
Der Opa aber meinte schmunzelnd:
„Ich habe doch ein wenig in deiner Akte gelesen bis der verdammte Bas...!“ „Ferdinand!“
„Ja, ja, ich weiß wir sind im Himmel, Fluchen und Schimpfwörter verboten.“
Anna sah wie ihr Opa leicht errötete und grinste.
Dieser aber zwinkerte ihr zu und fragte ganz harmlos:
„Kennst du jemanden, der Jochen heißt?“
Nun errötete Anna und verlegen erzählte sie von dem jungen Tierarzt, den sie vor kurzem an ihrem Urlaubsort kennen gelernt hatte.
Ferdinand Möller aber lehnte sich behaglich zurück und erzählte den beiden Frauen was er in der Akte von Anna lesen konnte.
Anna würde den Jochen Berner heiraten, vier bezaubernde Kinder bekommen, eine Schar Enkelkinder und genauso eine lange und glückliche Ehe führen wir ihre Großeltern.
„Ist das kein Grund zurück zu gehen?“ beendete der alte Mann schmunzelnd seinen Bericht.
Anna strahlte und sprang auf.
Sich an den Händen haltend liefen die drei nun los.
Mit dem Rücken zum Tunnel stand das Mädchen da und umklammerte die Hände ihrer Großeltern.
Sie konnte sich nicht trennen.
Ein Ruck ging durch ihren Körper, die Hände entglitten ihr und sie wurde in den Tunnel gezogen.
Ihre Großeltern wurden immer kleiner, bis sie ganz verschwanden.

„Gott sei dank, wir haben sie wieder!“ hörte das Mädchen eine Stimme und öffnete die Augen.
Das weiße sterile Krankenzimmer war voller Menschen. Ärzte und Schwestern standen mit erleichterten Gesichtern um ihr Bett.
Im Hintergrund sah sie ihre Eltern, denen die Tränen über das Gesicht liefen und hinter ihnen war Jochen.
Sie bemerkte die Liebe, aber auch die Angst in seinen Augen und Anna lächelte, schloss die Augen und schlief dem Leben entgegen.


© Lore Platz (2014)




 

Samstag, 2. November 2024

Erinnerung an Kurt

 

 


 

Erinnerung an Kurt

29.08.2013



Heute ist mein Mann gestorben. Als wir uns kennenlernten waren wir zwei einsame Menschen, in deren Leben es wenig Menschen gab, denen wir etwas bedeuteten oder die uns liebten.

 


 

Dabei hatten wir beide ein übervolles Herz voller Liebe und damit haben wir uns beide beschenkt.

 


 

Die Krönung dieser Liebe war unsere Tochter Claudia.

Doch nun da er nicht mehr bei mir ist fühle ich mich wie ein Blatt im Wind, das von seinem starken Ast getrennt wurde, der es 35 Jahre getragen hat.

Und es vergeht kein Tag, an dem ich ihn nicht vermisse.


Ich vermisse:

Wenn du mit grummeligen Gesicht in die Küche kommst und erst nach der ersten Tasse Kaffee mir ein Lächeln schenkst.

Ich vermisse:

Dein aufmunterndes Lachen, wenn ich mal den Kopf hängen lasse.

Ich vermisse:

Deinen spitzbübischen Humor und dein herzliches Lachen

Ich vermisse:

Deine liebevolle Fürsorge und deinen Schutz

Ich vermisse:

Deine liebenswerte Tolpatschigkeit, besonders wenn du mir eine Freude machen willst.

Ich vermisse:

Dein Meckern und Schimpfen über die Politik

Ich vermisse:

Unsere hitzigen Meinungsverschiedenheiten


Ich vermisse:

Das befreiende gemeinsame Lachen, wenn sich unsere Gemüter wieder beruhigt haben.

Ich vermisse:

Deine Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft deinen Mitmenschen gegenüber.

 


Ich vermisse:

Deine Vernarrtheit in dein Auto, die einzige Geliebte, die ich jemals fürchten musste.

Ich vermisse:

Deinen Mut, deine Geradlinigkeit und deine Ehrlichkeit

Ich vermisse:

Einfach nur D I C H

Doch ich bewahre, jede gute und jede schlechte Stunde unserer gemeinsamen 35 Jahren tief in meinem Herzen wie einen Schatz, den mir niemand nehmen kann.

 



Ich habe meinem Mann versprochen nach seinem Tod nicht zu verzweifeln und meisten gelingt es mir auch, mit Hilfe meiner Lust zu schreiben und einiger guten Freunde.

Freitag, 1. November 2024

Erinnerung an die, die uns voraus gegangen

Der mit der gestreiften Mütze ist Werner und die mit den Hörner auf der Mütze bin ich. Meine jüngste Schwester fehlt, die war noch ein Baby und der Junge im Hintergrund ist ein Freund der drei Brüder



 Heute ist Allerheiligen und in einigen Bundesländern war der Grab – Umgang.
Die Angehörigen der Verstorbenen stehen an ihren Gräbern und warten auf den Pfarrer, der begleitet von zwei Ministranten, die die Weihrauchkessel schwingen, betend durch den Friedhof geht.
Ich habe diesen Tag immer gehasst.
Man stand im kalten Nieselregen, die Kälte kroch die Beine hoch und man konnte sich nur noch darauf konzentrieren, dass man fror und hoffte, dass die Zeremonie bald vorüber ist.
Alle Feiertage, die sich auf unsere Verstorbenen beziehen sind ja im November.
Nun gerade dieser Monat ist am besten geeignet, die kurzen meist dunklen Tage und die Nebelschleier die sich über das Land breiten erinnern ein wenig an das Jenseits.
Deshalb will ich diesen Monat nutzen und an die vielen Menschen erinnern, die mir in den Himmel voraus gegangen sind.

Gevatter Tod trat schon sehr früh in mein Leben.
Meine Eltern waren mit einem Lehrerehepaar befreundet, die drei Jungen in unserem Alter hatten.
Ich war die mittlere und Werner war ebenfalls das mittlere Kind und seltsamerweise waren wir beide die ruhigsten und große Leseratten.
Während die andern vier im Garten tobten, saßen wir friedlich unter einem Baum, die Nase in einem Buch und hörten und sahen nichts, wir waren weit weg in einer anderen Welt.
Wenn Werners Vater Kollegen in irgendeinem kleinen Dorf besuchte, dann durfte ich mit kommen.
Und während die Großen quatschten, liefen Werner und ich hinüber in die kleine Dorfschule und mit sicherem Instinkt fanden wir die kleine Bücherei und saßen wenig später auf dem staubigen Boden.
Und die Zeit schien still zu stehen, wenn wir in den Schätzen wühlten.
Werner war gerade mal zwölf Jahre, als er eines nachts aufwachte und über entsetzliche Kopfschmerzen klagte.
Wenige Stunden später war er tot, Hirnblutung.
Danach wurde dann alles anders, die Fröhlichkeit war dahin und die Familie ist weg gezogen und wir verloren sie aus den Augen.

Als ich 16 Jahre alt war, starb ein Schulkamerad und meine erste große Liebe, durch einen Badeunfall.
Ja Gevatter Tod kam oft in mein Leben.
Mittlerweile ist er zwar kein gern gesehener aber doch ein geduldeter Gast.
Vielleicht komme ich deshalb auch so gut mit der Trauer um meinen Mann zurecht, weil ich weiß dass das Leben vergänglich und man den Tod akzeptieren muss.
Ich will euch nicht traurig machen mit meinen Geschichten, denn in der Erinnerung leben ja alle diese Menschen weiter und sie gehören eben auch zu meinem Leben.
Sie standen mir zur Seite, haben mich geprägt, deshalb werde ich sie auch nicht vergessen.

(c) Lore Platz  1. November 2013