Dienstag, 3. Dezember 2019

Die Zaubergeige Fortsetzung 1





Kurze Zeit später steht sie vor der Höhle der Eishexe.
Ein tiefes Knurren lässt sie inne halten.
Lautlos ist der weiße Wolf aus der Höhle aufgetaucht und fletscht seine kräftigen Zähne und tief aus seinem Inneren dringt ein bösartiges Knurren.
Mutter Erde bleibt stehen und sieht ihn streng an.
Der Wolf beginnt zu winseln und verschwindet mit eingezogenem Schwanz.
Mutter Erde geht weiter und steht bald der Eishexe gegenüber, die auf ihrem Thron aus Eis lümmelt und ihr spöttisch entgegensieht.
Wie ich sehe bist du an meinem Wächter vorbei gekommen?“
Nun ich bin Mutter Erde!“
Ach und wie komme ich zu der Ehre des Besuches der mächtigen Mutter Erde?“
Was hast du mit meinem Sohn, dem Frühling gemacht?“
Dem Frühling, ich hatte noch nicht die Ehre ihn kennen zu lernen. Wie du weißt, wenn er erwacht, muss ich schlafen gehen.“
Sie gähnt theatralisch.
Ich habe mir schon gedacht, er ist spät dieses Jahr und dabei bin ich doch schon soooo müde.“
Wieder hebt sie die Hand um ein Gähnen zu unterdrücken, doch dabei funkeln ihre Augen vor Vergnügen.
Mutter Erde wendet sich zum Gehen.
Ich weiß nicht, wie du es gemacht hast, aber ich komme dahinter!“
Viel Vergnügen!“
Das schrille Lachen der Eishexe lässt die Eiszapfen an den Wänden erzittern.
Mutter Erde ist sehr besorgt, als sie in ihr Wolkenschloss zurückkehrt.



Ein kleiner Junge steht am Fenster und sieht traurig den tobenden Kindern zu, die sich vergnügt mit Schneebällen bewerfen.
Weiter hinten auf dem zugefrorenen Weiher drehen einige ihre Runden auf Schlittschuhen.
Er seufzt leise, wir gerne würde er auch einmal mit Schlittschuhen über die glatte Fläche gleiten zu den Klängen der Musik, die er im Kopf hören würde.
Ein Lächeln spielt um seine Lippen.
Vor sechs Jahre, im Alter von drei Jahren hatte er Kinderlähmung und seitdem war sein linkes Bein lahm.
Lange war er traurig gewesen, obwohl er es seinen Eltern nie gezeigt hatte, denn er wollte ihnen keinen Kummer machen.
Doch eines Tages hatte er im Radio die
Träumerei“ von Robert Schumann gehört und sie wurde von einem bekannten Violinisten gespielt.
Und seitdem hatte er den Wunsch mit der Geige zu spielen .
Als er seinen Wunsch einmal seinen Eltern anvertraute, lag unter dem Weihnachtsbaum eine wunderschöne rotbraun glänzende Geige.
Seitdem bekam er Unterricht und er lernte schnell dieses Instrument zum Singen zu bringen.
Bald stellte sein Lehrer die außerordentliche Begabung des Jungen fest und legte den Eltern nahe,
diese zu fördern und schlug ihnen Herrn Bellini vor, einen der besten Lehrer.
Deshalb waren sie hierher gezogen.
Pascal, du musst zum Unterricht.“
Die Mutter kommt herein, in der einen Hand seinen Mantel, in der anderen seinen Geigenkasten.
Vor der Haustür legt sie ihm noch einen dicken Schal um den Hals, gibt ihm einen Kuss auf die Stirn und geht zurück ins Haus.
Dies alles wird von Arne beobachtet und es macht ihn wütend , obwohl er nicht sagen kann warum.
Aber eigentlich ist ihm dieser „Krüppel“ vom ersten Augenblick an zuwider gewesen.
Er winkt seinen Freunden, Rudi und Andreas und grinsend stellen sich die drei Pascal in den Weg.
Da kommt ja unser Muttersöhnchen und wie elegant er wieder schreitet.“
Arne ahmt das Hinken des Jungen nach und seine Freunde kichern.
Pascal beachtet ihn nicht und geht unbeirrbar weiter.
Doch plötzlich umkreisen sie ihn und zwingen ihn zum stehenbleiben.
Ich habe dich was gefragt, Hinkebein!“ schnauzt Arne ihn an.
Pascal betrachtet ihn ruhig.
Da ich meine Geige dabei habe, sollte es wohl klar sein, wohin ich gehe.“
Ach natürlich unser Wunderknabe, der besser musizieren, als Laufen kann und außerdem der Liebling der Lehrer ist, geht zu Herrn Bellini!“ spottet Arne und zieht Pascal schnell seine Mütze vom Kopf und wirft sie Rudi zu.
Nun spielen sie mit der Mütze und werfen sie sich gegenseitig zu, während Pascal sich hilflos im Kreis dreht und versucht sie zu erwischen.
Als die Mütze zu Boden fällt kicken die frechen Jungen sie wie einen Fußball durch die Gegend.
Herr Belline, der alles vom Fenster aus beobachtet hat, kommt nun aus dem Haus und auf sie zu.
Lachend laufen die Jungen weg.
Pascal bückt sich, hebt die klatschnasse Wollmütze vom Boden auf und schüttelt sie, dann steckt er sie in die Tasche.
Herr Bellini hat ihn nun erreicht und meint grimmig.
Ein übler Bursche dieser Arne, mit dem nimmt es einmal ein schlechtes Ende. Aber nun komm ins Warme.“
Er legt seinem Lieblingsschüler den Arm um die Schultern und führt ihn ins Haus.
Bald sitzt Herr Bellini in seinem großen Ohrensessel, die Hände über den Bauch gefaltet, die Augen geschlossen und lauscht entzückt , den wundervollen Klängen die Pascal seiner Geige entlockt.



Wieder sind einige Wochen vergangen und Mutter Erde wird immer besorgter.
Die Eisdecke über der Erde hatte sich weiter ausgebreitet und die kalte Luft, die nach oben zieht hält Mutter Sonne und ihre Töchter gefangen.
Die guten Geister haben sich auf die Suche nach dem Frühling gemacht, doch er war nirgendwo zu finden.
Bekümmert betrachtet Mutter Erde ihren Garten und bemerkt voller Schrecken, dass die Frühlingsblumen ihren Glanz verloren hatten und einige sogar schon ihre Köpfe hängen lassen.
Die Zeit drängt.


Die Eishexe lümmelt auf ihrem Thron und blickt voller Spott den Winter an, der mit grimmigem Gesicht vor ihr steht.
Du wagst es mir zu drohen, du kümmerlicher Wicht!“
Wütend funkelt der Winter sie an.
Gib meinen Bruder frei, damit die Welt ihre Ordnung hat. Auch sind wir Wintergeschöpfe müde und möchten endlich schlafen.“
Die Eishexe richtet sich auf.
Willst du mir drohen? “
Mit geballten Fäusten tritt der Winter einen Schritt auf sie zu.
Wo hast du meinen Bruder versteckt, sprich Weib!“
Die Eishexe lacht schrill.
Deine Respektlosigkeit habe ich mir lange genug gefallen lassen. Wenn ich dich nicht brauchen würde, hätte ich dich schon längst vernichtet.
Und glaube nicht deine Mutter kann dich noch lange beschützen, bald wird sie ihre Macht verloren haben!“
Sie schnippt mit dem Finger und der Winter ist in einem Eisblock gefangen.
Verzweifelt schlägt er dagegen.
Die Eishexe tritt dicht an ihn heran.
Du wolltest dich doch ausruhen, nun das kannst du nun tun. Nutze die Zeit und überlege wem du dienen möchtest!“
Ihr Lachen lässt die Eiszapfen klirren.




Was ist denn hier so lustig?“ fragt die Feuerhexe, die zusammen mit ihren Schwestern die Halle betritt.
Die Eishexe betrachtet sie aus zusammen gekniffenen Augen.
Was wollt denn ihr schon wieder hier, was verschafft mit das Vergnügen!“
Aber Schwesterherz,“ kichert die Meerhexe.
erst flehst du uns an, dir zu helfen, damit du die Weltherrschaft antreten kannst und nun nachdem wir dir geholfen haben den Frühling zu fangen, sind wir dir lästig.“
Ach nein, ihr seid mir doch nicht lästig,“ säuselt die Eishexe und beobachtet aus den Augenwinkeln die Feuerhexe, die einzige ihrer Schwestern, die sie fürchtete.
Diese mustert sie spöttisch und deutet dann auf den eingefrorenen Winter.
Sperrst du nun schon deine Helfer ein.“
Die Eishexe wirft einen düsteren Blick auf den Eisblock, in dem der Winter wütend gegen die Innenwand schlägt.
Leider brauche ich ihn noch, aber ich will ihm etwas Respekt beibringen und vor allem soll er lernen, wer hier der Herr ist.“
Ihre Schwestern kichern.
Aber was führt euch zu mir?“
Auf einmal ist sie besorgt:
Ist euch der Frühling entkommen?“
Die Meerhexe winkt ab.
Keine Bange, der schläft tief und friedlich in meinem Reich in einer Höhle, die nicht einmal der Wassermann kennt.“
Aber es gibt trotzdem ein Problem,“ murmelt die Moorhexe und wagt es nicht ihrer Schwester in die Augen zu sehen.
Die Eishexe richtet sich kerzengerade auf ihrem Thron auf und ihre Stimmer klirrt vor Kälte, als sie drohend fragt:
Was für ein Problem?“
Ihre Schwestern sehen sich an, dann ergreift die Feuerhexe das Wort:
Du weißt, dass der Frühling vor uns geflohen ist und es einige Zeit gedauert hat, bis wir ihn eingefangen haben. Während dieser Zeit ist es ihm gelungen seine Zaubergeige zu verstecken.“
Die Eishexe lacht und lehnt sich entspannt zurück.
Und deshalb macht ihr euch Sorgen? Er schläft doch, was kann er mit der Geige schon anrichten.“
Nun Mutter Erde hat sie ihm geschenkt, als er ein kleiner Junge war und er kann damit die Tier und Pflanzen aus dem Winterschlaf wecken,“ erklärt die Moorhexe leise.
Na und, er kann ja wohl jetzt nichts mehr damit anfangen. Pech für die Tier und Pflanzen, sie müssen nun ewig schlafen!“
Die Eishexe lacht trillernd.
Was ist?“ will sie wissen, als sie die verlegenen Blicke bemerkt, die sich ihre Schwestern zuwerfen.
Wieder ist es die Feuerhexe, die das Wort ergreift:
Wenn jemand die Zaubergeige findet, kann sie vielleicht doch eine Gefahr für deine Pläne werden.“
Warum, ich denke nur der Frühling kann darauf spielen?“
Und ein Mensch mit reinem Herzen.“
Erleichtert lehnt sich die Eishexe zurück.
Menschen mit reinem Herzen gibt es nicht!“
Doch Kinder!“
Wieder ist es die Moorhexe , die dies leise ausspricht.
Die Eishexe fängt an zu toben.
Warum bin ich nur mit solchen Schwestern geschlagen, nichts könnt ihr richtig machen!
Macht euch gefälligst auf den Weg und sucht diese verflixte Geige!“
Stopp!“
Die Feuerhexe sieht sie wütend an, hebt den Zeigefinger und der Feuerstrahl, der heraus schießt trifft den Eiszapfen, der dicht neben ihrer Schwester hängt und verwandelt ihn in einen dampfenden Wassertropfen.

Die Eishexe zuckt zusammen und einen kurzen Moment blitzt Angst in ihren Augen auf.
Du hast uns angefleht dir zu helfen die Weltherrschaft zu erlangen und wir haben dir geholfen. Wir haben den Frühling gejagt und er machte es uns bestimmt nicht leicht. Trotzdem haben wir ihn gefangen, eingeschläfert und versteckt. Das mit der Geige ist ein bedauerlicher Fehler, den wir leider nicht mehr rückgängig machen können.“
Die Eishexe wirkt auf einmal ziemlich kleinlaut.
Tut mir leid, dass ich euch beschimpft habe, aber ihr werdet doch nach der Geige suchen?“
Nein! Du beherrscht inzwischen die Hälfte der Erde durch unsere Hilfe. Bisher hast du noch keinen Finger gerührt. Um die Zaubergeige kümmere dich nun selbst!“
Die Feuerhexe dreht sich um und verlässt mit ihren Schwestern den Eispalast.
Die Eishexe schimpft wütend vor sich hin, aber leise, denn sie fürchtet sich vor der Feuerhexe.
Dann begibt sie sich auf die Suche nach dem weißen Wolf.
Der Winter in seinem Eisblock hat sich ganz still verhalten, damit ihm nicht ein Wort entgeht.


Die Eishexe hat ihn nach einigen Tagen aus seinem eisigen Gefängnis befreit.
Und obwohl er seitdem unter Beobachtung steht, ist es ihm doch gelungen seiner Mutter eine Nachricht zu senden und zu berichten, was er erlauscht hatte.
Mutter Erde macht sich sofort auf die Suche nach der Zaubergeige.
Der weiße Wolf hatte dasselbe Ziel im Auftrag der Eishexe.


Mühsam schält sich Pascal aus den vielen Decken in die ihn seine besorgte Mutter gewickelt hat und klettert aus dem Bett.
Einen Moment trifft ihn die Kälte wie eine Faust und er beginnt zu zittern.
Schnell schlüpft er in seine Hausschuhe, nimmt seine Kleider und eilt ins Bad, das seine Mutter extra für ihn geheizt hatte, obwohl dass Heizmaterial immer knapper wird.
Er dreht das eiskalte Wasser auf.
Es kostet ihn immer eine Überwindung sich damit zu waschen, obwohl er ich danach frisch und wach fühlt.
Als der Junge dann in die Küche kommt, sieht er seine Eltern eng umschlungen vor dem Ofen stehen und seine Mutter weint und flüstert.
Der Kohlenhändler hat schon wieder die Preise erhöht, bald werden wir sie nicht mehr bezahlen können. Pascal wird wieder krank werden.“
Mama, ich bin kerngesund hat Doktor Wendel bei der letzten Untersuchung gesagt.“
Die Eltern drehen sich um.
Schnell wischt die Mutter die Tränen ab.
Sie eilt zu ihrem Sohn und umarmt ihn fest und drückt ihn an sich.
Pascal befreit sich aus ihren Armen und meint leise.
Du sollst dir nicht immer Sorgen machen. Ich bin genauso gesund wie die anderen Kinder.
Ich habe nur ein lahmes Bein und das schon seit fünf Jahren. Es stört mich nicht und es tut auch nicht weh. Ich spiele sowieso lieber Geige als Fußball!“
Sein Vater grinst.
Recht so mein Junge.“
Dann zwinkert er und flüstert verschwörerisch:
Aber weißt du mein Sohn, Mütter müssen sich immer sorgen, das liegt bei ihnen in den Genen.“
Seine Frau gibt ihm einen Klaps auf die Schulter.
Lachend wirbelt er sie herum und Pascal kichert.
Fröhlich frühstücken sie zusammen und der Vater bringt die Mutter immer wieder zum Lachen.
Ein kurzes Klopfen und die Tür wird aufgerissen und die Nachbarin Frau Bernhuber stürmt herein und bringt einen Schwall Kälte mit.
Schnell schließt sie die Tür hinter sich und platzt heraus: „Die alte Leni ist in ihrer Hütte erfroren!“
Erst jetzt bemerkt sie Pascal, der sie mit offenem Mund anschaut.
Solltest du nicht schon längst auf den Weg zur Schule sein? Astrid ist schon unterwegs.“
meint sie verlegen.
Die Mutter sieht zu Uhr und springt auf.
Tatsächlich, wir haben heute ein wenig die Zeit vergessen.“
Sie hilft Pascal, der noch den letzten Bisses seines Brotes in den Mund stopft in den Mantel. Setzt ihm die Mütze auf und schlingt den Schal um seinen Hals.
Nachdem der Junge noch die Fäustlinge angezogen hat, nimmt er den Ranzen und verlässt das Haus.
Auf dem Weg zur Schule grübelt er darüber nach, wie es wohl war, wenn man erfriert.
Ob es so ähnlich war wie bei ihm, wenn er abends im kalten Zimmer unter die Decke schlüpft und bibbert, bis ihm endlich warm wird und er dann einschläft.
Hat Leni auch erst gefroren, dann wurde ihr warm und sie ist eingeschlafen?
Nur ist sie dann nicht mehr aufgewacht.
Stimmen und Lachen reißen ihn aus seinen Gedanken.
Bald sitzt er auf seiner Bank in der Schule und für den Moment hat er die alte Leni vergessen.



Fortsetzung folgt