Donnerstag, 19. September 2019

Die Puppe Namenlos 3

 
An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich bei meiner Internet – Freundin Inge bedanken, die mir genau erklärt hat, wie man Puppen repariert und mir außerdem die wunderbare Geschichte erzählt hat, wie sie selbst dazu kam, Puppen zu reparieren.




Namenlos liegt in dem Bettchen und fühlt sich endlich wieder sauber und glücklich.
Sie duftet so frisch und ihr herrlich rotes Haar ist von Schmutz und Blättern befreit.
Neugierig sieht sie sich in der Stube um.
Ringsum in Regalen und Schränken stehen unzählige Puppen.
In einer Ecke sind aufeinander gestapelt Puppenküchen und Kaufläden.
Namenlos gefällt es hier. Seit ihrer Irrfahrt fühlt sie sich
wieder so heimelig wie im Schaufenster von
Marion`s Puppenstube“.
Plötzlich taucht Annas Gesicht vor ihr auf und Augen voller Liebe sehen sie an.
Ein leise Sehnsucht zieht in ihr kleines Puppenherz.
Die Tür öffnet sich und die blonde Frau kommt herein.
Namenlos wird aus der Wiege gehoben und auf einen Tisch gesetzt, der voller Kästchen, Schächtelchen, Töpfchen und Döschen ist.




Inge fährt vorsichtig mit dem Finger über die kaputte Nase, dann öffnet sie ein Döschen, holt Celluloidsplitter heraus und lässt sie behutsam in das Loch rieseln, drückt sie mit den
Fingern fest und streicht die neu geformte Nase glatt.
Sie schraubt ein Gläschen auf und trägt mit dem Pinsel das flüssige Celluloid auf.
Diesen Vorgang wiederholt sie mehrmals.
Dann betrachtet sie ihr Werk.
Nun hast du wieder ein hübsches Näschen. Das Ganze muss
aber jetzt trocknen. Erst dann kann ich mich um deinen Arm kümmern.
Namenlos wird wieder hoch gehoben und in die Wiege gelegt, dann verlässt die Puppendoktorin den Raum.
Die Gedanken der Puppe wandern wieder zu Anna und sie beginnt zu träumen.




Anna und sie laufen zusammen über eine blühende Wiese, setzen sich auf eine Decke und machen ein Picknick.
Dann legen sie sich hin und beobachten die Wolken. Schmetterlinge tanzen im Sonnenschein, Bienen fliegen brummend von Blüte zu Blüte und alles duftet so herrlich und
Namenlos fühlt sich so glücklich.
Und am Abend nimmt Anna sie mit in ihr Bett und sie kuscheln zusammen.



Ein Geräusch schreckt Namenlos aus ihren Träumen und als sie die Augen aufschlägt, sieht sie viele Puppen, die sich um die Wiege drängeln und tuscheln.
Es ist dunkel draußen, nur der neugierige alte Mond blickt durch die Scheibe.
In den Kaufläden und Puppenküchen brennen kleine Lichter.
Jetzt hat eine der Puppen bemerkt, dass Namenlos die Augen geöffnet hat.
Sie ist wach!“ ruft sie und alle drängen an die Wiege, die leicht zu schaukeln beginnt.
Herzlich willkommen bei uns. Bald bist du wieder wie neu
und darfst auch an unseren nächtlichen Teepartys teilnehmen.“
So schwirrt es durcheinander.
Macht Platz! Lasst mich durch!“
Eine große Puppe zwängt sich nach vorne.
Hallo, ich bin Bärbel und wie heißt du?“
Namenlos,“ flüstert diese verschämt.
Mitleidiges Gemurmel ringsum.




Bärbel runzelt die Stirn.
Das heißt, du hattest noch niemals eine Puppenmutti, wie bedauerlich! Meine erste Puppenmutter gab mir den Namen Bärbel und den habe ich behalten, auch wenn ich im Laufe der Jahre mehrere Puppenmütter hatte. Aber du weißt ja, der erste Name von der ersten Puppenmutter bleibt für immer.“
Bärbel lässt einen hoheitsvollen Blick durch die Stube gleiten.
Ich bin eine echte Schildkrötpuppe und die erste, die in diese Stube eingezogen ist. Alle anderen hier haben es mir zu verdanken, dass es die Puppendoktorin gibt.“
Die anderen Puppen stöhnen und verdrehen genervt die Augen.
Schon wieder die alte Geschichte.
Jedes Mal, wenn eine Neue kam, dann erzählte Bärbel die uralte Geschichte.
Still und leise verdrücken sie sich in die Ecke.
 



In der Puppenküche wird schon fleißig Tee gekocht und Kekse gebacken.
Dorthin schleichen die Puppen und bald wird eine fröhliche Party gefeiert.
Bärbel aber holt sich ein Kissen und setzt sich neben die Wiege und beginnt mit ihrer Erzählung.
Ich landete mit einem riesigen Loch im Kopf in einem Trödelschuppen. Dort fand mich Inge und wollte mich reparieren lassen, aber das kostete eine Menge Geld und so beschloss sie, es selbst zu versuchen. Sie hörte sich ein wenig um und hatte das Glück eine alte Dame kennen zu lernen.
Diese besaß vor dem Krieg zusammen mit ihren Eltern ein Spielwarengeschäft mit einer Reparaturwerkstatt .
Die vielen Ersatzteile, die sie über den Krieg retten konnte, schenkte sie Inge und sie brachte ihr bei, wie man Puppen repariert. So wurde aus Inge eine Puppendoktorin.“
Bärbel erhebt sich.
Wenn du wieder gesund bist, darfst du auch an unseren Teepartys teilnehmen. Aber solange nicht alles verheilt ist, musst du liegen bleiben. Wie ist es eigentlich passiert?“
Namenlos erzählt nun ihre Lebensgeschichte und viele
mitleidige Rufe dringen aus der Ecke.
Bärbel gesellt sich zu den anderen und Namenlos ist wieder allein.
Sie hört das Gelächter und Geplauder der Puppen und einmal ist sogar einer der Nussknacker herunter gestiegen, um den Damen ein Ständchen zu bringen.
Doch als sie ihn auslachen, weil er keinen Ton richtig halten kann, verzieht er sich beleidigt wieder auf sein Regal.

Irgendwann schläft Namenlos dann ein.


Morgen geht es weiter