Samstag, 21. September 2019

Die Puppe Namenlos 5

Mit dem Ende der Geschichte wünsche ich euch ein schönes 
Wochenende.





Er springt in den Garten, schaut noch einmal bei Hannchen vorbei, doch der Futternapf ist leer.
Gemächlich schlendert er durch die Straßen.
Wäre es nicht schön, wenn Namenlos und Anna sich begegnen könnten?
Unwillkürlich lenkt er seine Schritte zu „Marions` Puppenstube“.
Am Straßenrand steht eine große Kastanie und Ramon flitzt den Stamm hinauf und legt sich auf einen Ast.
Er döst ein wenig vor sich hin, als er Stimmen hört und den Namen Anna.
Schnell springt er auf und steckt den Kopf durch das Blättergewirr.
Auf der Bank neben dem Schaufenster sitzt eine alte Frau und daneben ein kleines Mädchen, das den Kopf gesenkt hat und mit den Beinen baumelt.
Das Mädchen hat genau so rote Haare wie seine kleine Freundin.
Die alte Frau streicht liebevoll über den Kopf der Kleinen.
Liebele, immer wenn wir an dem Schaufenster vorbei gehen, wirst du traurig. Ist es wegen der Puppe, die verkauft wurde?“
Anna nickt und senkt tief den Kopf, damit Oma Jansen ihre Tränen nicht sehen kann.
Ramon aber lässt sich wieder auf den Ast sinken und legt eine Pfote über die andere.
Das war ja interessant. Das Mädchen sehnte sich genau so nach der Puppe, wie diese nach ihr.
Es müsste doch möglich sein, die Beiden zusammen zu führen.
Eine Bewegung unter dem Baum lässt ihn aufspringen.
Die alte Frau ist mit dem Mädchen an der Hand weiter gegangen.
Ramon klettert den Stamm hinunter und folgt den Beiden.


Sie biegen durch eine Toreinfahrt in einen Hof, in dem ein mehrstöckiges Mietshaus steht.
Die alte Frau kramt einen Schlüssel aus der Tasche, schließt auf und die zwei gehen ins Haus.
Hier wohnt also Anna.
Der Kater erkundet den Hof.
In einer Ecke stehen nebeneinander fünf Mülltonnen.
Alles ist hier ordentlich und sauber.
Mehrere Fahrradständer sind an der Hausmauer angebracht, in denen vereinzelt Räder stehen.
In der Mitte des Hofes steht eine schöne prächtige Linde und um den Baum sind Veilchen angesiedelt.
Vögel turnen auf den Zweigen und erfüllen die Luft mit ihrem fröhlichen Gezwitscher.
Ramon überlegt, wie er seiner Freundin Namenlos helfen könnte, damit sie und Anna zusammen kommen.
Doch da meldet sich sein Magen.
Erst wollte er auf Nahrungssuche gehen, dann war immer noch Zeit einen Plan zu entwerfen.
Schließlich war er Ramon der König der Straßen und nichts war für ihn unmöglich!



Am nächsten Tag kam der Kater wieder durch das Fenster zu Namenlos ins Zimmer.
Nach einem Inspektionsgang sprang er zu seiner Freundin auf das Sofa.
Ich weiß, wo Anna wohnt,“ verkündet er und beginnt seine Pfote zu putzen.
Du hast es heraus gefunden? Ramon du bist ein Schatz!“
Natürlich, meine Rede!“
Aber was nützt mir das? Ich kann ja doch hier nicht weg, meint Namenlos traurig.
Aber sicher, ich habe dich hierher gebracht, ich kann dich auch wieder weg bringen.“
Ist das denn auch richtig? Sie waren alle so nett zu mir, ich kann doch nicht einfach verschwinden.“
Sicher kannst du das!“ ruft Bärbel von ihrem Regal herunter.
Stell dir vor, du bekommst endlich eine Puppenmutti und einen Namen. Bleibst du hier, wirst du ewig Namenlos bleiben!
Wenn man eine Chance erhält, sollte man sie nützen!“
Ja, geh nur, wir sind dir nicht böse!“ rufen die anderen Puppen.




Ramon verneigt sich.
Meine Damen, ihr seid bewundernswert und ich bedanke mich, dass ihr meine kleine Freundin so nett aufgenommen habt.“
Die Puppen kichern und unter einem vielstimmigen
Auf Wiedersehen!“ verlässt Namenlos auf dem Rücken des Katers die Stube.
Als Inge wenig später ins Zimmer kommt ist sie vollkommen
überrascht, als der Platz auf dem die rothaarige Puppe saß, leer ist.
Die Puppe ist genauso geheimnisvoll verschwunden, wie sie gekommen ist.
Ramon läuft auf Schleichwegen zur Taubengasse 17 und setzt Namenlos in der Nähe der Mülltonnen ab.
Aber hier kann Anna mich ja gar nicht sehen?“ jammert diese.
Und auch kein anderer, oder möchtest du, dass ein Fremder dich mitnimmt?“
Die Puppe schüttelt heftig den Kopf.
Lass mich nur machen.“
Der Kater beobachtet aufmerksam die Toreinfahrt.
Jetzt betritt Oma Jansen mit Anna an der Hand den Hof.
Ich komme gleich wieder,“ murmelt Ramon und läuft los.
Mit stolz erhobenem Schwanz stolziert er auf die Beiden zu und umkreist sie laut schnurrend.
Du bist aber ein Hübscher, dich habe ich ja noch nie hier gesehen,“ gurrt die alte Frau.
Der Kater schnurrt noch lauter und Anna bückt sich, um ihn zu streicheln.


Ramon fasst mit seinen kleinen Zähnchen die Finger des Mädchens und beginnt daran zu ziehen.
Was willst du denn?“
Der Kater lässt ihre Hand los, läuft einige Schritte in Richtung Mülltonnen, bleibt stehen und dreht sich um.
Ich glaube, er will mir was zeigen?“
Nun, dann lauf los,“ lacht Oma Jansen, „ich werde hier warten.“
Anna folgt dem Kater, der erst vor Namenlos stehen bleibt.
Das Mädchen stoppt ihren Lauf und starrt auf die Puppe.
Das war doch die Puppe aus dem Schaufenster?
Sicher ihr Kleid sah anders aus und auch ihre Nase schien ein wenig verändert.
Aber ihr Herz sagte ihr, das war „ihr Puppenkind!“
Sie hebt die Puppe auf und drückt sie fest an ihr Herz, dann läuft sie damit zu der alten Frau.
Oma Jansen, Oma Jansen, sieh nur, da hinten saß meine Puppe aus dem Schaufenster!“
Wie, was, wo hast du sie gefunden?“ stottert die alte Frau.
Anna zeigt nach hinten.
Dort bei den Mülltonnen, darf ich sie behalten?“
Ich denke schon,“ meint Frau Jansen zögernd.
Im ganzen Block gab es außer Anna kein Kind.
Trotzdem blieb es rätselhaft, wie ausgerechnet diese Puppe hier her kam.
Doch als sie in die bangen Augen des kleinen Mädchens sieht, nickt sie.
Anna jubelt und drückt ihr Puppe ganz fest.
Ich werde sie Jennifer nennen!“
Jennifer strahlt mit ihrer Mutti um die Wette.
Endlich hatte sie einen Namen und was für einen schönen!
Das findet auch Oma Jansen.
Jennifer, das klingt hübsch. Doch nun komm Kind, wir wollen hinein gehen.“
Sie setzen sich in Bewegung, doch dann bleibt die alte Frau stehen und wendet sich zu dem Kater um.
Irgendwie werde ich den Gedanken nicht los, dass du hinter der ganzen Sache steckst. Hast du keine Lust deine kleine Freundin zu begleiten?“
Ramon sitzt da, den Schwanz um die Vorderpfoten gelegt, als würde ihn die ganze Sache nichts angehen.
Jennifer lugt über Annas Schulter.
Komm doch mit, Ramon, endlich ein Zuhause, keinen Hunger mehr, keine Straßenkämpfe. Hast du nicht gesagt, dass es von Jahr zu Jahr schwerer wird? Denk an die Worte von Bärbel:
Wenn man eine Chance bekommt, soll man sie nützen“
Und dies ist deine Chance auf ein besseres Leben. Komm doch mit!“





Ramon bewegt sich nicht.
Sein Blick wandert unschlüssig zwischen der Straße, dem Weg in die Freiheit und den langsam sich entfernenden Menschen hin und her.
Dann geht ein Ruck durch seinen Körper und er saust los, flitzt gerade noch ins Haus, bevor die schwere Eisentür zuschlägt.
Mit langen Sprüngen rast er die Treppe hinauf und schlängelt durch die Menschenbeine in die Wohnung.
Er bleibt stehen und lässt seinen Blick schweifen.
Eine rotweiße hübsche Katze kommt in den Flur gelaufen, um ihr Frauchen zu begrüßen und bleibt abrupt stehen, als sie den Kater erblickt.
Ramon wirft sich in Pose und schreitet in kleinen eleganten Schritten auf die Katze zu.
Mit seiner dunkelsten Stimme schnurrt er.
Halloooo, meine Hübsche, ich bin Ramon der König der Straßen und wie heißt du bezauberndes Geschöpf?“
Ich heiße Minou,“ meint die Katze schüchtern, „bleibst du bei uns?“
Mal sehen, wie ist es denn hier so?“
Wunderschön, mein Frauchen ist eine ganz Liebe.“
Hm und wie ist das Essen?“
Herrlich und abwechslungsreich und im Bad steht eine Kiste für ...“ Sie wird etwas verlegen, … du weißt schon was,“ murmelt sie verschämt.
Ramon, der inzwischen mit Minou ins Wohnzimmer gewandert ist, sieht sich um.
Das heißt, ich darf hier meine Spur nicht setzen?“
Oh, nein! Da wird Frauchen sehr böse!“ ruft Minou entsetzt.
Nun, du wirst mir sicher erklären was hier so üblich ist.
Aber es gibt keine Luft und keinen Sonnenschein!“
Oh, doch wir haben einen sehr schönen Balkon! Komm ich zeig ihn dir.“



Der Kater folgt Minou hinaus auf den Balkon und bald liegen sie dicht aneinander geschmiegt in der Sonne und Ramon erzählt von seinem Vagabundenleben und die Katze, die noch nie die Wohnung verlassen hatte, lauscht entzückt seinen Abenteuern, die der Schlingel natürlich noch ausschmückt.
Oma Jansen blickt lächelnd hinaus auf den Balkon.
Sie scheinen sich gut zu verstehen.“
Anna, die mit Jennifer auf dem Schoß auf dem Sofa sitzt, fragt:
Meinst du, der Kater wird hier bleiben?“
Ich weiß nicht. Er ist ein Streuner, aber wenn er will, dann kann er gerne hier bleiben.“
 „Das wäre schön,“ seufzt Anna und drückt ihre Jennifer liebevoll an ihr Herz und diese schmiegt sich an ihre Puppenmutter und ist glücklich.
Nun hat sie einen schönen Namen, war bei ihrer geliebten Anna und ihr bester Freund hatte ein Zuhause gefunden.
Schöner konnte es gar nicht werden.

 
© Lore Platz